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Literatur

Maddalena Fingerle: Wie man Wörter waschen kann

Wurde in Italien zum literarischen Shootingstar: Maddalena Fingerle, geboren 1993.
Wurde in Italien zum literarischen Shootingstar: Maddalena Fingerle, geboren 1993.(c) Julia Mayer
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In ihrem Debütroman erzählt Maddalena Fingerle von einem jungen Mann, der seine Geburtsstadt Bozen verlässt und sich auf die Suche nach einer unversehrten Sprache begibt.

Ein obsessiver Roman über Sprache, genauer gesagt: über die Wörter, an denen alles hängt, eine detailreiche Abrechnung mit Südtirol und eine singuläre Liebesgeschichte – das hat aufhorchen lassen im Debüt der jungen, aus Bozen stammenden Autorin Maddalena Fingerle. Ihr Roman „Muttersprache“ wurde schon vor der Veröffentlichung mit dem Italo-Calvino-Preis ausgezeichnet und findet viel Resonanz. Und das liegt nicht an seiner „Story“, denn die wäre rasch erzählt: Paolo Prescher hat Schwierigkeiten mit seiner Familie und der provinziellen Enge Bozens, also flieht er nach der Matura nach Berlin, ergattert einen Bibliotheksjob, verliebt sich in die ebenfalls aus Italien stammende Mira, und als diese ungeplant schwanger wird, beschließen sie, gemeinsam nach Bozen zu ziehen – das Scheitern ist vorprogrammiert.

Dass einen der Roman sofort in seinen Bann zieht und seine Faszination bis zum Schluss nicht nachlässt, liegt an der Intensität, in der das erzählt wird, und dem kreativen Feuerwerk von Ideen und Beobachtungen, das dabei abgebrannt wird – literarische Anspielungen von Torquato Tasso bis Stephen King inklusive (sie werden in Anmerkungen aufgeschlüsselt, aber der Roman entfaltet seine Wirkung auch dann, wenn man ihnen nicht nachgeht). Alles beginnt mit einer ständig heulenden Mutter, die mit ihrem Reden für Paolo alle Wörter dreckig macht. Ihr Gegenpol ist der Vater, der sich ganz aus der gesprochenen Sprache zurückgezogen hat – er leidet an Aphasie oder Mutismus. Doch er hängt ganz an den Wörtern, er klebt den Dingen ihre Bezeichnungen auf.

Das liest sich fast so, als wäre der Beginn der „Philosophischen Untersuchungen“ Wittgensteins in einen Roman transponiert; dort kritisiert er die (auf Augustinus zurückgehende) traditionelle Sprachauffassung, die im Benennen – also einem Ding quasi ein Namenstäfelchen anheften – die Grundfunktion der Sprache sieht.