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Rolex Learning Center: Landschaft des Lernens

Rolex Learning Center Landschaft
(c) Alain Herzog
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So machen das die Schweizer: Die Architektur des Rolex Learning Center, der neuen Bibliothek der ETH Lausanne, schafft Freiraum für fächerübergreifendes Denken.

Leicht zugänglich ist sie nicht, die vor wenigen Monaten eröffnete neue Bibliothek der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Lausanne. Von der U-Bahn-Station vor der Universität, die alle paar Minuten einen Schwall Studenten ausspuckt, muss sich der Besucher eine Viertelstunde lang durch den Campus der ETH Lausanne kämpfen, der aus einem Gewirr von Gebäuden, Treppen und Terrassen besteht, bevor sich der Blick auf das Rolex Learning Center öffnet: Wie eine Hügellandschaft aus Beton, Stahl und Glas liegt sie da, mächtig und filigran zugleich. Der Grundriss des Gebäudes ist ein Rechteck, das sich wellenförmig über 20.000 Quadratmeter erstreckt und über dem Boden zu schweben scheint.

Das Innere des in puristische Weiß- und Grautöne getauchten Gebäudes gleicht einer überdimensionalen Lounge, die an einen Flughafen erinnert. Durch die Glashaut der Außenwand und die vielen runden Lichthöfe, die die Raumlandschaft durchstanzen, flutet Sonnenlicht. Wände gibt es keine: Die verschiedenen Einheiten, die eine Bibliothek, einen Büchershop, ein Forschungszentrum für futuristische Lerntechnologien sowie ein Amphitheater und Cafés umfassen, werden nur durch unterschiedlich hohe Bodenwellen getrennt.

An manchen der kleinen Arbeitstische beugen sich Studenten über ihre Bücher, andere debattieren in einer kleinen Gruppe oder klappern in die Tastatur ihres Laptops. Nur in der eigentlichen Bibliothek, die auf einem der „Hügel“ thront und den Benutzern Zugang zur Archiv- und Forschungssammlung der ETH bietet, herrscht völlige Stille. Durch die restlichen Arbeitsbereiche flirrt leises Stimmengewirr, nur vom hellgrauen Spannteppich gedämpft. Aus einer Ecke hoch oben auf einer Bodenwelle ist Gelächter zu hören, drei Studenten vertreiben sich eine Lernpause mit dem Bau einer Polsterburg aus farbigen Sitzkissen. Daneben döst ein junger Mann in einem der Sitzpolster, die Kopfhörer seines iPods im Ohr. Weiter unten, am Fuß des „Hügels“, sitzen Studenten und Lehrende in der Cafeteria.

Das Nebeneinander ist nicht zufällig. Das vor Kurzem mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnete japanische Architekten-Duo Sanaa (Kazuyo Sejima und Ryūe Nishizawa) legte die neue Bibliothek bewusst als Begegnungsort zwischen Forschenden und Studenten verschiedener Disziplinen aus. Waren früher die Bibliotheken der einzelnen Fakultäten der ETH Lausanne über den Uni-Campus verstreut, vereint das neue Rolex Learning Center – der Name ist dem größten Privatsponsor des Gebäudes, dem Uhrenhersteller Rolex, geschuldet – alle Fachrichtungen in einem Raum.

Raum zum Erobern. Hier sollen die Besucher der Bibliothek nicht nur über ihrer Fachliteratur brüten, sondern auch in Kontakt mit anderen Disziplinen kommen, sagt der Sprecher der ETH Lausanne, Lionel Pousaz. Die technische Universität hat sich längst durch interdisziplinäre Forschungsprojekte einen Namen gemacht, jüngst sorgte die Entwicklung eines von Hirnströmen gesteuerten Rollstuhls für vollständig Gelähmte für Schlagzeilen.

Die Architektur des neuen Lernzentrums soll das fächerübergreifende Denken noch stärker fördern. Nicht zufällig erinnert die Bibliothek mit ihrem einzigen offenen Raum und den sanften Bodenwellen an eine Parklandschaft. „Die Benutzer sollen sich wie in einem natürlichen Park bewegen, sich hinsetzen, wo sie wollen, unterschiedlichen Aktivitäten nachgehen und zufällige Begegnungen machen“, so Pousaz. Während sich in traditionellen Gebäuden mit langen Gängen die Menschen wie auf Schienen bewegten, würden hier die Benutzer die Landschaft wie Wanderer erkunden, sich in alle Himmelsrichtungen bewegen. Bewusst habe man deshalb auch nicht den ganzen Raum mit Möbeln ausgestattet, große Flächen bleiben leer und laden dazu ein, von den Besuchern „erobert“ zu werden.

Bei den Studenten kommt das Konzept gut an. Freundlich, hell und inspirierend sei die neue Bibliothek, meint ein Student der Materialwissenschaften, der mit seinen Kollegen in Sitzpolstern knotzt, die so gar nicht an das übliche Mobiliar erinnern. Und ja, man treffe hier viele Studenten anderer Fakultäten, wirft sein Kollege ein. Nicht nur Kommilitonen der ETH, sondern auch viele Studenten der Universität Lausanne kämen zum Lernen. Ein Neurobiologe aus Deutschland, der an der ETH eine postgraduale Ausbildung absolviert, meint, die Atmosphäre sei entspannt und inspirierend zugleich. Man könne in Ruhe arbeiten und gleichzeitig soziale Kontakte pflegen. Allerdings, meint ein anderer, sei die neue Bibliothek schon Opfer ihres Erfolgs: Nicht nur die Studenten stürmten das neue Gebäude, sondern auch Architekturtouristen.

Doch kann Architektur tatsächlich einen Beitrag zum interdisziplinären Lernen leisten? Ja, meint Thomas Beck, Rektor der Hochschule der Künste Bern, einer Pionierin im Bereich des interdisziplinären Arbeitens. Zwar hänge das fächerübergreifende Forschen in erster Linie von der Gesamtstrategie der Universität und den einzelnen Personen ab, aber geeignete Architektur könne Katalysator sein. Weil der offene Raum im Rolex Learning Center alle Fachrichtungen auf einer einzigen Ebene vereine, gäbe es keine Hierarchien mehr, und alle Disziplinen würden einander gleichberechtigt begegnen, so Beck. Durch spontane Kontakte, die sich sonst nie ergeben hätten, könnten neue, kreative Ideen entstehen. Ein zufälliges Gespräch auf der Parkbank sei zuweilen ja auch inspirierender als ein geplantes Fachmeeting. Beck hält interdisziplinäres Arbeiten auch für mehr als nur ein modisches Schlagwort. Das Denken über den Horizont der eigenen Fachrichtung hinaus sei heute unabdingbar. Die einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen seien mittlerweile so spezialisiert, dass sie die Zusammenarbeit mit anderen Forschungsrichtungen brauchten, um den Konnex nicht zu verlieren und Neues entwickeln zu können.

Man darf gespannt sein, ob das Center die hochgesteckten Erwartungen erfüllen wird. Immerhin kann die Architektur fächerübergreifende Begegnungen nur ermöglichen – erzwingen kann sie sie nicht. Eines bewirkt der offene Raum aber schon heute: Man verlässt die Bibliothek mit einem leichten und beschwingten Gefühl ... was in anderen Universitätsbibliotheken doch eher selten vorkommt!

Die Architekten
Das heuer eröffnete Rolex Learning Center wurde von Kazuyo Sejima und ihrem Partner Ryūe Nishizawa (der Name des Architekturbüros Sanaa ist ein Akronym ihrer Nachnamen) konzipiert. Das japanische Duo wurde kürzlich mit dem renommierten Pritzker-Preis ausgezeichnet.

Die Universität
Das Center gehört zur École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL; zu Deutsch ETH Lausanne: Eidgenössische Technische Hochschule Lausanne), einer technisch-naturwissenschaftlichen Universität. Der Campus befindet sich außerhalb des Stadtzentrums in unmittelbarer Nähe des Genfersees, er schließt an den Campus der Uni Lausanne an – zusammen bilden sie das größte Bildungs- und Forschungszentrum der Schweiz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2010)