Markus Hinterhäuser: Die Initialzündung in Salzburg

Markus Hinterhaeuser Initialzuendung Salzburg
Markus Hinterhaeuser Initialzuendung Salzburg(c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)
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Der neue Intendant der Salzburger Festspiele, Markus Hinterhäuser, im Gespräch über die Sucht nach Mahler und anrührende Lieder von Dylan.

Wie kann man einem Hörer die neueste Musik begreiflich machen?

Markus Hinterhäuser: Ich habe kein Patentrezept dafür. Das kann die eigene Begeisterung sein, mit der man andere entflammt, der eigene Enthusiasmus, mit dem man andere zu vielleicht nicht so gewohnten Situationen verführt. Es gibt einen einzigen Grund, warum Musik geschrieben wird.

Welchen denn?

Weil sie gehört werden möchte, weil sie sich mitteilen möchte. Wenn man Menschen einlädt, zum Beispiel nach Salzburg zu kommen, und ihnen einen Vorschlag macht, mit einer Musik im schönsten Fall Freundschaft zu schließen, dann muss man die Menschen sehr ernst nehmen. Man sollte nie jemandem das Gefühl geben, dass er nicht imstande ist, eine Musik zu verstehen. Das spielt sich in so vielen verschiedenen Regionen ab. Musik hat auch sehr viel mit Empfinden, Wachheit, Offenheit zu tun. Ich kann niemandem vorschreiben, wie er etwas zu empfinden hat. Der Zuhörer wird aus einer Veranstaltung manchmal verstört oder ratlos herausgehen, aber in jedem Fall wird er bereichert sein.

Nächstes Jahr stellen Sie Mahler in Kontext zu Komponisten wie Berg und Schostakowitsch. Was verbindet sie?

Schostakowitsch hat selbst gesagt, dass Mahler derjenige sei, der sein kompositorisches Denken am stärksten beeinflusst hat. Und die Symphonie als Weltbeschreibung geht von Mahler direkt über zu Schostakowitsch, dann zu Hans Werner Henze und Karl Amadeus Hartmann. Letzterer ist ein wesentlicher Komponist, der sehr wichtig für Nono war. Diese Verbindungen sind stark und deutlich, die kann man darstellen. Dieser neuntägige Mahler-Zyklus, den ich mir ausgedacht habe, entfernt sich sehr von einer zyklischen Aufführung der Symphonien. Bis auf zwei Orchesterkonzerte ist dieser Zyklus sehr kammermusikalisch gedacht.

Als Dialog der Komponisten?

Im schönsten Fall hört man diese Komponisten miteinander kommunizieren. Es ist ein Austausch. Ich glaube auch, dass dies sehr viel Aufschluss über Mahler, seine Psychologie und Zerbrechlichkeit geben wird. Auch über die, die ihm nachfolgen. Hier liegt sozusagen der Weg in die Moderne. Solche Verbindungen herzustellen ist meine Möglichkeit, mit Musik umzugehen. „Nachdenken über Musik“, diesen Buchtitel von Alfred Brendel finde ich schön. Man kann das tun, ohne didaktisch sein zu müssen. Im Idealfall bietet ein so umfangreiches Programm wie das der Salzburger Festspiele etwas wie eine Ausstellung. Dinge werden zusammengeführt, bisher verborgene Strukturen erkennbar gemacht, das führt zu einer neuen Hörsituation.

Was waren für Sie die stärksten Erlebnisse bei einer Aufführung von Mahler?

Das waren zwei Konzerte in Salzburg, die ich nie vergessen werde: einmal die Fünfte Symphonie, die von Bernstein dirigiert wurde, und einmal die Neunte mit Karajan. Das war unbeschreiblich! Ich selbst habe auch viele Mahler-Liederabende mit hervorragenden Sängern gespielt, aber die Initialzündung kam von Bernstein.

Macht Mahler süchtig?

Ja. Besonders mit 17 oder 18 ist man absolut empfänglich dafür. Das hat sich bei mir auf einer völlig unreflektierten Ebene abgespielt. Das war unmittelbar und auch schön. So empfindet man eben in diesem Alter.

Gibt es auch Komponisten, derer Sie sich inzwischen entfremdet haben?

Ja. Der Anteil jener in der Musikgeschichte, die berechtigt immer wieder gespielt werden, ist erstaunlich gering. Es werden auch von unserer Zeit nur wenige übrig bleiben.

Bleibt Ihnen auch Zeit, sich mit anderen Sparten in der Musik zu beschäftigen?

Ich mag Popmusik, zum Jazz jedoch finde ich weniger Zugang. Ich schätze Liedermacher, Leonard Cohen zum Beispiel oder Bob Dylan. Es gibt bei ihnen auch eine Qualität des Wortes, sie finden die passenden Texte für ihre Musik. Mich hat immer fasziniert, dass jemand Melodien schreiben kann, dass er in der Lage ist, eine Tonfolge zu schreiben, die Menschen anrührt und nicht mehr loslässt, egal ob die Hörer in Norwegen, auf Feuerland oder in Malaysia sind. Das ist eine unbeschreibliche Fähigkeit.

In welcher Salzburger Kontinuität sehen Sie sich als Intendant? Es gab nach Karajan die künstlerischen Leitungen von Mortier, Ruzicka und Flimm...

Ich wurde von den Neunzigerjahren geprägt, das war mein Schlüsselerlebnis. Leoš Janáčeks „Aus einem Totenhaus“ ist mir unvergesslich. Gérard Mortier und Hans Landesmann waren für mich die wichtigsten Bezugspunkte. Da hatte ich auch angefangen, mich hier als Programmverantwortlicher beim Festival „Zeitfluss“ zu betätigen, 1993 bis 2001 zusammen mit Tomas Zierhofer-Kin.

War der Aufbruch in Salzburg vor 20 Jahren eine Revolution?

Es ist sehr gut, wenn man eine gewisse Polarisierung erzielt. Mortier hat den richtigen, intelligentesten Umgang mit dem Phänomen Salzburg gepflegt. Es wurden Weichen gestellt, die in die richtige Richtung führten, das war ausschlaggebend. Salzburg war das Entscheidendste in meinem Leben. Ich habe auch immer hier gearbeitet.

Hat Sie das Festival nicht auch vom eigenen Musizieren abgehalten?

Nein. Beim „Zeitfluss“ habe ich als Pianist so viele Aufführungen gehabt, so viele Aufnahmen gemacht wie nie zuvor und danach. Das war purer Enthusiasmus ohne Strategie. Ich bin ein Quereinsteiger, komme nicht vom Musikmanagement, sondern von der Musik. Wir wollten die Dinge veranstalten, die wir selbst gerne hören.

Welche Musik ist mit wachsendem Alter für Sie wichtig geworden?

Keine Ahnung. Ich möchte im Grunde offen und neugierig bleiben. Es gibt aber Musik und Erscheinungen in ihr, die zu Lebenspartnern werden. Das kann man nicht ändern. Meine musikalischen Lebenspartner sind Schubert, Schumann, Mahler, Nono, Feldman – und auch Interpreten. Die können sehr bestimmend werden.

Haben Sie die Zeitgenossen unter den Genannten auch kennengelernt?

Eine gewisse Distanz ist nicht schlecht. Ich habe den Komponisten, den ich wirklich liebe und verehre, nämlich Luigi Nono, ein einziges Mal gesehen. Er saß allein in einem Restaurant in Venedig. Ich habe überlegt, ob ich mich ihm nähere oder ihn gar anspreche, aber das habe ich mich nicht getraut. Es war schön, ihn anzusehen.

Hat er komponiert?

Nein, er hat gegessen. Es wäre gar nicht richtig gewesen, ihn anzusprechen. Ich habe meine Verehrung dann so weit getrieben, dass ich praktisch das gesamte Werk von Nono in Salzburg aufgeführt habe.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2010)

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