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Wort der Woche

Evolution des Coronavirus

In den vergangenen zwei Jahren haben bereits Dutzende Varianten des Coronavirus die Welt überrollt. Und die Evolution des Virus ist noch nicht abgeschlossen.

Trotz der immens hohen Infektionszahlen – aktuell sind weltweit 490 Mio. Krankheits- und 6,15 Mio. Todesfälle belegt – ist die Weltgesundheitsorganisation WHO in Sachen Corona vorsichtig optimistisch. In ihrem dieser Tage veröffentlichten Strategiepapier zur Beendigung der Pandemie haben die Experten drei Szenarien skizziert (www.who.int). Der „base case“ – und dieser ist die aktuelle Arbeitshypothese der WHO – geht davon aus, dass es zwar weiterhin Ansteckungen und saisonale Wellen geben wird, dass aber wegen der zunehmenden Immunität der Menschen die Erkrankungen weniger schwer ausfallen. Als „best case“ wird angesehen, dass das Virus deutlich weniger ansteckend wird und keine weiteren Booster-Impfungen nötig sind. Und der „worst case“ ist, dass das Virus noch ansteckender wird und zu sehr vielen schweren Fällen führt.

Welches dieser Szenarien sich verwirklicht, kann niemand vorhersagen. Denn Faktum ist, dass die Evolution von Sars-CoV-2 weitergeht und sich das Virus vor unseren Augen laufend verändert. In den bisherigen beiden Corona-Jahren wurden allein in Österreich 18 verschiedene Varianten (plus einzelne Fälle weiterer Varianten) nachgewiesen. Alle paar Monate eine neue. Dies lässt sich, für einzelne Länder aufgeschlüsselt, sehr schön auf der Website des Schweizer Forschungsprojekts „CoVariants“ nachvollziehen. Dort findet sich überdies ein Stammbaum der weltweit wichtigsten 25 Varianten, der auch für Laien gut verständlich ist (https://covariants.org).

Allerdings: Dieser Stammbaum ist eine rein historische Betrachtung – er hilft für die Vorhersage der nächsten Variante und deren Eigenschaften nicht weiter. Denn bisher seien alle wichtigen Varianten nicht aus der letzten dominierenden entstanden, sondern aus ganz anderen Zweigen, wurde kürzlich in der Fachzeitschrift „Nature“ (603, 212) betont. Das ist evolutionär gesehen auch nachvollziehbar: Wenn eine Variante immer mehr Menschen befällt, wächst die Immunität dagegen, sodass irgendwann eine andere Variante, die das Immunsystem mit einem anderen Trick überwindet, einen Selektionsvorteil bekommt. Die aktuelle Omikron-Variante schwächt v. a. die Abwehr durch Antikörper, wohingegen die sogenannte T-Zell-Immunität – die zweite wichtige Verteidigungslinie des Immunsystems – weiterhin gut funktioniert. Daher, so wird in „Nature“ ausgeführt, sei es gut möglich, dass die nächste Virus-Variante genau auf dieses Abwehrsystem spezialisiert ist.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

meinung@diepresse.com

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2022)