Debatte: "Qualitätsjournalismus ist gefragter denn je"

Debatte Qualitaetsjournalismus gefragter denn
Debatte Qualitaetsjournalismus gefragter denn(c) AP (ED BAILEY)
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"Democracy and the Media" im Wiener Burgtheater: Warum es "NYT"-Chef Bill Keller egal ist, wie seine Kinder Zeitung lesen, und sich Bodo Hombach eher um die Drucker sorgt.

Moskau und Rom sind weit weg. Zumindest an diesem Sonntagvormittag im Wiener Burgtheater. Das eigentliche Thema, „Democracy and the Media", streifen die eigens angereisten internationalen Medienmacher in ihrer rund zweistündigen Diskussion im Rahmen der dreitägigen Konferenz, die das Institut für die Wissenschaften vom Menschen mit europäischen Zeitungen veranstaltete, nur am Rande. Der Chefredakteur der italienischen „La Repubblica", Ezio Mauro, weiß noch am besten, was es heißt, in einem Land Zeitung zu machen, in dem der Ministerpräsident Eigentümer der großen Fernsehunternehmen ist.

Allerdings beobachtet auch WAZ-Geschäftsführer und als solcher Miteigentümer der Krone-Kurier-Gruppe, Bodo Hombach, „dass es immer mehr Menschen gibt, die Geld gemacht haben und sich damit in Medien einkaufen". Nicht um Journalismus zu machen, sondern um Macht auszuüben. Eine Entwicklung, die der Europarat, der dafür, so Hombach, eigentlich zuständig sei, „bisher noch nicht hinreichend auf die Tagesordnung gesetzt hat." Was man gegen diesen Trend des „gekauften Journalismus" machen könne, fragt Nicolas Lehmann, Dekan der School of Journalism an der Columbia University (NY) und Moderator der Debatte, den deutschen Medienmanager. „Eine konsequente Strafverfolgung würde schon reichen", sagt Hombach. „Und ordentliche Gesetze." Vor denen hätten Politiker keine Angst, anders als vor investigativem Journalismus. Auch deshalb rät er den Journalisten, sich den "Journalismus aus der ersten Reihe" abzugewöhnen: „Da hört man nicht, was hinter einem gesprochen oder geflüstert wird. Journalismus muss wieder mehr dazwischen sitzen und nicht aus der ersten Reihe die Statements der Politik notieren."

Vielleicht lässt sich der in der Diskussion spürbare Hang zur Frage nach der Zukunft der Medien damit erklären, dass diese nur dann eine Rolle in einer Demokratie spielen können, solange sie überhaupt existieren. Auch wenn die Männer am Podium - neben Mauro und Hombach waren das „New York Times"-Chefredakteur Bill Keller und Pulitzerpreisträger Paul Starr (Princeton University) - den Zustand der Printmedien unterschiedlich positiv oder negativ sehen, einig sind sich darin: Der Journalismus an sich wird nicht untergehen. Er wird sich nur stark verändern. Während Hombach nicht versteht, warum seine Kinder die Zeitung lieber am Bildschirm lesen, ist es seinem Kollegen Keller vollkommen egal, „ob die Kinder die Nachrichten online oder als Print lesen. Hauptsache, sie zahlen dafür." Er sei ein "Plattform-Agnostiker", welche Kanäle der Leser vorziehe, sei zweitrangig. Nachrichten zu produzieren sei allerdings sehr teuer und manchmal auch gefährlich, das müsse finanziert werden, so Keller. Er spricht als Chefredakteur der größten überregionalen Tageszeitung der USA, die ab dem Frühjahr 2011 Geld für ihre Online-Inhalte verlangen will. Wie das Bezahlmodell genau aussehen wird, wollte Keller am Sonntag nicht verraten. Starten werde man im ersten Quartal 2011.

Grabesstimmung unter US-Verlegern

Der Chef der „New York Times" gibt zu, dass Treffen mit Chefredakteuren in den USA seit einiger Zeit den Charakter eines Begräbnisses hätten. Er selbst bleibt optimistisch. Amerikaner würden im Durchschnitt 75 Minuten pro Tag Nachrichten über TV, Radio oder Zeitungen konsumieren und zusätzlich 30 Minuten online. Das Internet verdränge die „alten" Medien nicht, sondern ergänze sie. Zudem würde es neue, junge, zwar noch kleine Beispiele für guten, investigativen Journalismus geben, wie die Online-Plattform „Politico".

Hombach glaubt, die Branche befinde sich bloß in einer „Anpassungskrise". Das Problem der Verlage werde sein, gleichzeitig alles (Print, Online, TV, etc) anbieten zu müssen. „Aber der Tag, an dem man uns nicht mehr gedruckt haben, will, ängstigt uns nicht. Das erspart uns viele Kosten. Schwierigkeiten wird es vielleicht für die Drucker geben. Es gibt eine erkennbare Bereitschaft, für guten Journalismus zu zahlen. Qualitätsjournalismus ist gefragter denn je." Freie Medien hätten aber keine Chance ohne eine freie Demokratie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2010)

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