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In der Ferne forschen

Der Puls steigt bei sozialen Kontakten

Die zwei Hunde, Siro und Mellori, begleiten Claudia Wascher seit ihrer Post-Doc-Zeit in Spanien. Heute genießen sie das Dorfleben in England, weil Wascher in Cambridge forscht.privat
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Den Tieren machen die Experimente der Verhaltensforscherin Spaß. Claudia Wascher erforscht Sozialverhalten und Lernen bei Vögeln, Affen und Menschen. Eine kleinere Uni ist für sie ideal: Die Studierenden stammen nicht aus der Bildungselite.

Verhaltensbiologin? Das ist doch kein richtiger Beruf! Nach dem Argument aus dem Elternhaus wählte Claudia Wascher an der Uni Graz einst Biologie als Lehramtsstudium, mit der Fächerkombi Psychologie, Philosophie und Pädagogik. „Dabei mag ich Kinder nicht so gern: Die paar Praktika an einer Schule waren ein Albtraum“, erinnert sich Wascher lachend. Das Unterrichten liegt ihr aber schon, jedoch vor einem älteren Publikum. Das beweist die Steirerin seit sieben Jahren an der Anglia Ruskin University in Cambridge, nördlich von London: 40 Prozent ihrer Anstellung als Associate Professor sind der Lehre gewidmet. Wascher genießt den Umgang mit den Studierenden. Weil, ja: Verhaltensbiologin ist ein gescheiter Beruf.

Begonnen hat die Faszination für das Verhalten der Tiere bei einem Praktikum in Grünau, an der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle (KLF) in Oberösterreich. „Da wurden Leute gesucht, die Graugänse per Hand aufziehen. Ich bin dann mehrere Jahre dort geblieben und habe an Gänsen und Krähen geforscht“, sagt Wascher.

Die Handaufzucht der Vögel ist ein harter Job, der jungen Biologiestudentin ging das aber leicht von der Hand. Dabei entstand ihr Wunsch, das Verhalten und Gehirn ihrer „Pflegekinder“ besser zu verstehen. Sie verglich bei Graugänsen die Herzschlagrate mit den Erlebnissen eines Gänsealltags und fand, dass die Tiere sogar erhöhten Puls bekommen, wenn sie bei Streit unter Artgenossen nur zusehen.

Kranke Tiere halten Abstand

Die Diplomarbeit und Dissertation betreute der damalige Leiter der KLF, Kurt Kotrschal, der viel Wert darauf legt, dass seine Studierenden eine internationale Karriere anstreben. Das ist bei Wascher gelungen, denn durch die Kontakte in der Forschungsstelle Grünau ergab sich bald ein Aufenthalt in Nordspanien, an der Universidad de León, in einem Ort am Jakobsweg. „Mit dem Dorfleben habe ich mir aber sehr schwergetan. Mein Spanisch war nicht gut, und Englisch hat im Dorf niemand verstanden“, sagt Wascher. Sie hat die Feldforschung mit Rabenkrähen fast einsiedlerisch in Erinnerung.

„Vom Uni-Leben habe ich wenig mitbekommen, weil ich dauernd auf dem Feld war bei den Krähen.“ Während das menschliche Sozialleben beschränkt war, studierte Wascher in Spanien das Sozialverhalten der Vögel: Entgegen der Vermutung, dass Tiere in größeren Gruppen mehr Parasiten in sich tragen, erkannte sie, dass Rabenkrähen, die isolierter leben, eher zu Darmparasiten neigen. Unklar blieb, ob enge Freundschaften in der Gruppe das Immunsystem stärken oder ob erkrankte Tiere bewusst Abstand von der Gruppe halten. „Zweiteres kommt im Tierreich oft vor, dass die Kranken sich zum Schutz der Gemeinschaft zurückziehen. Das sollten wir Menschen auch beherzigen: An meiner Uni schimpfe ich jetzt wieder mit Studis, die krank in die Vorlesung kommen“, sagt sie schmunzelnd.

In England geht es Wascher jedenfalls mit dem Dorfleben viel besser als in Spanien. In einem Dorf nahe Oxford, wo ihre Partnerin als Verhaltensforscherin gearbeitet hat, ist das Paar gut integriert. Die Work-Life-Balance mit zwei Hunden passt perfekt.

Wer regt sich worüber auf?

Der Weg nach England war ein langer. Nach der Dissertation hatte Wascher Post-Doc-Stellen in Australien und Norwegen (Forschung an Apostelvögeln), Frankreich und Schottland (Schimpansen) und Deutschland (Rabenkrähen). Stets geht es um das Grundbedürfnis der sozialen Lebewesen, mit anderen zu interagieren: Wie verhalten sich Individuen miteinander, wer regt sich worüber auf, und welche Typen haben ein stressfreieres Leben? „Bisher vergleicht man meist die eine Tierart mit der anderen. Wir haben mit Hühnern auf einem Bauernhof in England bewiesen, dass Haushühner genauso schnell lernen wie Krähen“, sagt Wascher. „Doch mich interessiert auch der individuelle Unterschied der Tiere, ihre Persönlichkeit.“ Eine aktuelle Studie aus Grünau zeigt etwa, dass Gänse in der Silvesternacht plötzlich hohen Puls bekommen, wenn Feuerwerke knallen. „Aber ein paar Individuen schlafen seelenruhig weiter.“

Die Datenaufnahme ist an englischen Universitäten etwas schwieriger als in Österreich, weil britische Tierschutzgesetze so komplex sind, dass die Unis keine eigene Tierhaltung haben. Die Forschenden sind auf Kooperationen mit Farmen und Zoos angewiesen.

Eine Dissertantin nimmt jetzt gar Menschen als Forschungsobjekte: „Meine Uni hat Gleichstellung als Schwerpunkt. Wir untersuchen den Ethnicity Gap, also warum nicht weiße Studierende viel schlechtere Noten bekommen. Und warum zwar gleich viele Frauen wie Männer das Studium abschließen, es aber kaum Professorinnen gibt.“

Die Uni ist für alle offen

Die Anglia Ruskin University taugt der Steirerin auch, weil hier nicht die Bildungselite landet, sondern die Uni für alle offen ist. Nach 1992 erhielten viele britische Fachschulen das Universitätsrecht: Daher arbeitet sie hier mit Leuten, denen keine Uni-Karriere in die Wiege gelegt worden ist. „Es macht mich stolz, wenn meine Absolventinnen und Absolventen an renommierten Universitäten in Oxford,Cambridge oder London weiterforschen.“

IN KÜRZE

Claudia Wascher (40) hat an der Uni Graz Biologie und Psychologie auf Lehramt studiert und kam früh zur Verhaltensforschung. Nach einem Praktikum in der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle Grünau, OÖ, startete sie ihre internationale Karriere mit Projekten in Spanien, Norwegen, Australien, Deutschland und Frankreich.

An der Anglia Ruskin University in Cambridge, UK, forscht Wascher seit 2015. Die Uni entstand 1989 aus der Fusion einer traditionellen Kunstschule und eines College. 1992 erhielt die frühere Fachhochschule den Rang einer Universität und hat heute 32.000 Studierende und vier Fakultäten von Geistes- bis Naturwissenschaften.

 

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