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Ökologie

Schlechte Zeiten für wild wachsendes Obst und Gemüse

Ob am Land oder in der Stadt – das sogenannte Wildsammeln steht in Europa neuerdings wieder hoch im Kurs. Doch der Bestand an essbaren Wildpflanzen reduziert sich zunehmend. Das beobachten weltweit lokale und indigene Gemeinschaften, wie eine Überblicksstudie aufzeigt.

Auch wenn es sich angesichts des Angebots in den Supermärkten nicht so anfühlen mag: Die kulinarische Vielfalt nimmt ab. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Ernährung der Menschen weltweit zunehmend angeglichen. So ruhen 90 Prozent der globalen Nahrungsversorgung nur noch auf 94 Nutzpflanzenarten. Parallel dazu nehmen die Bestände der essbaren wilden Pflanzen und Pilze ab.

„Für ländliche Communitys auf der ganzen Welt sind Wildpflanzen sehr wichtig“, sagt Christoph Schunko vom Institut für Ökologischen Landbau der Boku Wien. In einer Metaanalyse mit spanischen Kolleginnen und Kollegen von 80 bereits vorliegenden Studien zeigte er, dass viele lokale Gemeinschaften besorgt über die abnehmende Menge an wild wachsenden Nahrungsmitteln, darunter Yamswurzeln und Kaki-verwandte Früchte in Afrika, sind (Global Food Security). Die Menschen registrieren darüber hinaus Veränderungen hinsichtlich Verteilung, Geschmack, Qualität sowie Ernte- und Reifezeit. Dies gilt vor allem für jene Pflanzen- und Pilzarten, die als Obst und Gemüse verwendet werden – und zwar in jeder Klimazone. Schuld am Rückgang der Bestände sind neben der Klimaerwärmung auch Landnutzungsänderungen, Übererntung und Umweltverschmutzung. Rund um den Globus bedienen sich indigene Gruppen am Angebot der Natur mit rund 7.000 Wildpflanzen- und 2.000 Wildpilzarten. Sie haben für lokale Esskulturen eine besondere Bedeutung. „Ihr Abnehmen gefährdet nicht unbedingt die Nahrungssicherheit an sich, aber die wild wachsenden essbaren Pflanzen sind wegen ihrer Mikronährstoffe besonders relevant. Sie liefern bestimmte Vitamine, die in manchen Regionen sonst oft nur schwer verfügbar sind“, betont Schunko.

Mit den Wildpflanzen schwindet die genetische Vielfalt. Das macht Ernährungssysteme weniger widerstandsfähig, zum Beispiel gegenüber Extremwetter-Ereignissen oder Schädlingsbefall. Die Überblicksstudie ist Teil des EU-geförderten Projektes „LICCI“ (Local Indicators of Climate Change Impacts) zu lokalen Anzeichen für die Auswirkungen des Klimawandels, das von Victoria Reyes-García von der Autonomen Universität Barcelona geleitet wird.

Wien ist ein Wildsammelparadies

Schunko schweift in seinen Forschungsprojekten jedoch nicht nur in die Ferne, sondern untersucht verschiedene Aspekte des Wildpflanzensammelns auch in Europa und Österreich. „Mich interessiert zum einen das lokale Wissen der ländlichen Bevölkerung dazu und zum anderen, was in den Städten gepflückt wird, ebenso wie Wildsammlung in der biologischen Landwirtschaft“, erklärt er. In den vergangenen zehn Jahren beobachtet der Forscher einen neuen Trend zum Wildsammeln. Österreichweit werden derzeit weit über 150 verschiedene essbare Wildpflanzenarten gesammelt, der Mehrheit sind jedoch nur wenige davon bekannt.

Mit seinen Kolleginnen Anjoulie Brandner und Anna-Sophie Wild nahm Schunko in dem kürzlich abgeschlossenen Projekt „Urban Wild Foods“ die Situation in Wien unter die Lupe. Auch im urbanen Umfeld sind die Mengen der gesammelten Kostbarkeiten für den täglichen Nahrungsbedarf vernachlässigbar. Gesammelt wird gelegentlich, motiviert von der besonderen Qualität der Wildpflanzen, die wie Kriecherln oder Maulbeeren kaum käuflich erhältlich sind, oder der Möglichkeit, sie frisch genießen zu können.

Für die Studie befragte Schunkos Team in Parks 235 Städterinnen und Städter zu ihrem Sammelverhalten in Wien. Zwei Drittel gehen diesem Hobby zumindest gelegentlich nach – vorsichtigen Schätzungen zufolge sind das mehr als in vergleichbaren Städten in Deutschland oder den USA. Auf den öffentlichen Grünflächen der österreichischen Hauptstadt sind Bärlauch, Brombeeren, Holunder, Brennnesseln, Kriecherl, Erdbeeren, Walnüsse oder Pflanzenteile von Lindenbäumen heiß begehrt. Wenig überraschend sind dabei jene Menschen, die in zentraleren Bezirken wohnen, seltener aktiv als jene, die in periphereren Gebieten mit höherem Grünflächenanteil wohnen. Den typischen Wiener Wildsammler gibt es hingegen nicht: Junge sammeln hier genauso wie Alte, Frauen wie Männer, formal höher Gebildete ebenso wie formal niedriger Gebildete.

In Zahlen

90 Prozent der globalen Nahrungsversorgung ruhen mittlerweile auf nur noch 94 verschiedenen Nutzpflanzenarten.

7000 essbare Wildpflanzenarten
und 2000 essbare Wildpilzarten sind bekannt. Das sind zehn Mal so viele Arten wie jene, die domestiziert, also zum Essen gezüchtet, wurden.

64 Prozent der vom Team der Boku Wien um Christoph Schunko in Parks befragten Wienerinnen und Wiener gaben an, zumindest hin und wieder essbare Wildpflanzen zu sammeln.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.04.2022)