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Redebedarf

Ruf nicht an, ich tu's ja auch nicht

Photo by Annie Spratt on Unsplash
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100 Rätsel der Kommunikation, Folge 1: Wenn mich jemand anruft, ist dann wer gestorben? Über das aufdringlichste Kommunikationsmedium für die besonders schlechten Nachrichten.

Taek-Wan-Do. Supermarktkassa. Badesteg. Keine Gelegenheit kam zu ungelegen, dass man nicht doch abgehoben hat. Einfach weil man konnte. Das eine Phänomen hieß „telefonieren“. Das andere hieß: „Handy“. He, na, alles klar? Wo bist du? Ah, Taek-Wan-Do. Ah, am See. Ich bin bald zuhause. Kannst du Petersilie mitnehmen? Egal, was man gesagt hat. Es war sicher wichtig, dass es gesagt wurde. Inhaltlich waren viele dieser Handy-Gespräche so wertvoll wie plumpes Zuprosten im Schweizerhaus. Aber egal: Ihr habt uns Telefone gegeben? Wir haben angerufen. Ihr habt uns Handys gegeben? Wir haben überall abgehoben. Das war der Gesellschaftsvertrag, vulgo Pakt mit dem Teufel, den wir stumm unterschrieben haben.

Wenn man einmal nicht abhob: Heh, warum hebst du nicht ab? Was ist los? Ist was passiert? Heute verhält es sich ein wenig anders: Höchstwahrscheinlich ist etwas passiert, wenn man überhaupt angerufen wird. Früher stiftete noch ein anderes Medium ähnliche Aufregung und Unsicherheit, wie wenn heute das Handy läutet. Früher sollen noch Kinder winkend mit dem Brief durchs Dorf gelaufen sein, behaupten Darstellungen in Filmen. „Ein Brief, ein Brief!“. Hochzeit. Todesfall. Die Tante kommt. Mindestens so schwerwiegend. Wenn nicht schlimmer. Das Gute am Brief war: Man konnte sich frei entscheiden, wo man denn die Nachricht in Empfang nimmt. Sitzend, stehend. Gar nicht.

Der Anruf platzt immer ungefragt herein. Fast wie diese Menschen von der Sorte „Ich war gerade in der Gegend“, die es eigentlich gar nicht mehr gibt. Oder die Zeugen Jehovas. Oder die Kanalräumer, die es wahrscheinlich auch alle nicht mehr gibt, seitdem sie nicht mehr ungefragt vor der Tür stehen, ein gutes neues Jahr wünschen oder über das Paradies reden wollen. Außer den Heiligen Drei Königen und dem Biokistl rufen fast alle vorher an, bevor sie unangekündigt vor der Tür stehen. Genauso wie inzwischen die meisten Menschen auch eine Nachricht schreiben, bevor sie es am Handy läuten lassen.

Kommunikative Nötigung

Anrufen ist ja nichts anderes als kommunikative Nötigung. Denn kaum klingelt es, hat man schon verloren. Denn auch nicht abheben wäre eine Antwort. Und wenn man abhebt, dann geht's erst richtig los: Man muss zuhören und noch dazu allesmögliche aus der Stimme rauslesen. Wie geht’s dem Anrufer? Ist es dringend? Worauf will er hinaus? Man muss sich freundlich verabschieden, darf nicht schweigen, muss regelmäßig mhmm, mhmm, mhmm machen. Tausend Dinge, die man nicht müsste, wenn er doch einfach digital geschrieben hätte. Aber wer ruft ohnehin noch an? Oma, die Bank und die Betrüger.

Zumindest hat der Anrufer kein Gesicht, mit dem man sich auseinandersetzen muss wie jenes vom Paketboten, der ausnahmsweise doch einmal geklingelt hat. Zum Glück sind die meisten ohnehin so gebrieft, dass sie ihre Pakete gleich im Laster lassen und direkt zum Paket-Shop bringen, weil anklopfen ohnehin viel zu aufdringlich wäre. Am allerschlimmsten: Man schreibt ein Email und wird prompt zurückgerufen. Heh, wozu schreib ich ein Email. Das allein sagt schon: Ruf mich nicht an. Sonst hätte ich dich nämlich angerufen. Oder im Email geschrieben, dass du mich bitte anrufen sollst.

100 Rätsel der Kommunikation.

Norbert Philipp bespricht in dieser Kolumne die dringendsten Fragen der digitalen und analogen Kommunikation: Muss man zu Chatbots höflich sein? Wie schreit und schweigt man eigentlich digital? Heißt „Sorry“ dasselbe wie „Es tut mir leid“?. Und warum verrät „Smoke on the Water“ als Klingelton, dass ich über 50 bin.