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Russische Künstler

Michael Sturminger über Gergiev und Netrebko: "Hier im Westen sitzt man relativ bequem"

Michael Sturminger hat schon mehrfach in Russland inszeniert.Clemens Fabry
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Der „Jedermann“-Regisseur hat mit einigen russischen Künstlern zusammengearbeitet, die hierzulande nun als Personae non gratae gelten – auch mit Valery Gergiev und Anna Netrebko. Er warnt vor moralischer Überlegenheit: „Niemand weiß, wie er selbst handeln würde.“

Der österreichische Regisseur Michael Sturminger kritisiert im Gespräch mit der „Presse“ die „moralische Überlegenheit“, mit der auf jene russischen Künstler reagiert werde, die sich nicht oder nur spät vom russischen Präsidenten Wladimir Putin distanziert haben. „Man sitzt hier im Westen relativ bequem und sagt den anderen, wie sie sich benehmen sollten. Ich finde, man sollte vorsichtig sein und sehr bescheiden: Niemand weiß, wie er selbst handeln würde.“

Mit dem Dirigenten Valery Gergiev, der als Freund Putins gilt und den seit dem russischen Einmarsch in der Ukraine so gut wie alle westlichen Opern- und Konzerthäuser ausgeladen haben, hat Sturminger mehrere gemeinsame Opernproduktionen in dessen Mariinski-Theater in St. Petersburg realisiert. Für Sturminger sei klar, dass man Gergiev, der sich nicht öffentlich distanziert hat, jetzt nicht einladen könne. „Ich finde es auch irritierend, wie sehr er Putin hofiert hat“, sagt Sturminger, der jedoch zu bedenken gibt: „Ich glaube, dass er dabei auch immer für seine Institution gekämpft hat.“ Als künstlerischer Leiter des Mariinski-Theaters habe Gergiev eine „Riesenverantwortung“, die er sehr ernst nehme: „Das ist sein Lebensinhalt.“

„Wir können uns leicht und ohne Risiko für uns selbst empört abwenden. Aber wenn man Verantwortung für andere hat, ist das nicht so leicht. Und keiner kann für sich garantieren, wie er sich verhalten würde, wenn er Angst hat“, sagt Sturminger. „Diese Menschen, die sich so moralisch überlegen fühlen, sind mir wesentlich unsympathischer als die, die jetzt in Schwierigkeiten kommen.“ Bei einigen ortet er zudem Scheinheiligkeit: So hat der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter, der Gergiev im März den Posten als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker gekündigt hat, dessen Vertragsverlängerung vier Jahre zuvor noch als „Glücksfall“ bezeichnet. Damals habe ihn Gergievs Putin-Nähe offenbar nicht gestört. „Und wer Putin ist, haben wir alle gewusst. Das war seit 2000 ganz nachvollziehbar: Jeder, der nicht pariert, wird umgebracht oder eingesperrt oder ausgeschaltet.“

„Zuschlagen, wenn jemand eh schon am Boden liegt"

Mit Anna Netrebko hat Sturminger im Sommer bei seiner Operninszenierung der „Tosca“ bei den Salzburger Festspielen zusammengearbeitet. Die Star-Sopranistin hat sich zunächst als unpolitisch bezeichnet und den Krieg erst spät deutlich verurteilt. Nach einigen westlichen haben nun auch russische Institutionen die Zusammenarbeit mit ihr beendet. „Ich bin nicht berufen, sie zu beurteilen“, sagt Sturminger. „Letztklassig“ finde er nun aber, „wenn gewisse Leute hier jetzt sagen, dass sie stimmlich eh schon am Ende gewesen sei. Das sind die, die immer dann zuschlagen, wenn jemand eh schon am Boden liegt.“ Der Dirigent Franz Welser-Möst hatte etwa im „Kurier“ gemeint, "schon gewisse Abnützungserscheinungen in ihrer Stimme" gehört zu haben.