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"Im Angesicht des Verbrechens": Serie mit Sogwirkung

Angesicht Verbrechens Serie Sogwirkung
Max Riemelt als Marek Gorski(c) ORF (Julia von Vietinghoff)
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ARD und ORF verstecken die packende deutsche Russenmafia-Serie im Spätprogamm, das Finale wurde kurzfristig umprogrammiert. Eine "Ohrfeige für treue Zuseher", meint der Regisseur.

Selten entwickelte eine deutsche Serie einen derartigen Sog wie "Im Angesicht des Verbrechens": Der junge Polizist Marek Gorski (Max Riemelt) wird auf der Suche nach dem Mörder seines Bruders in einen Zigarettenschmuggler-Ring hineingezogen, ist bald Verfolger und Verfolgter. Der Fall eröffnet eine breite Narration mit hohem Authentizitätsfaktor, bewegt sich mühelos zwischen Familiendrama und Krimi. Die ARD hat die finalen drei Folgen des Zehnteilers vergangenen Freitag ausgestrahlt, ORF2 spart sich die letzte Folge für den Freitag auf - auf einem Sendeplatz kurz nach Mitternacht. Verschenkt, denn das Russenmafia-Epos von Regisseur Dominik Graf spannt in acht Stunden Laufzeit ein gegenwärtiges Großstadt-Panorama auf, das im deutschsprachigen Fernsehen seinesgleichen sucht.

Man mag der Serie Klischees vorwerfen: Dicke Geschäftsleute wedeln mit großen Scheinen vor jungen Nutten aus dem Osten herum, das Lieblingsmenü der Mafiosi besteht aus Kokain und Wodka. Doch das Drehbuch von Ralf Basedow vermag mit überraschenden Wendungen und mit Charakteren, die diese Bezeichnung verdienen, zu fesseln. Gut, alle Details stimmen nicht. Gerade wenn man ein bisschen rechnen kann. Innerhalb von fünf Tagen Deutsch zu lernen und gar Berlinerisch zu verstehen ist nicht ganz realistisch. Auch die eine oder andere Szene fällt aus dem Zusammenhang. Insgesamt wurde Graf für die Serie aber zu Recht bejubelt - nach der Premiere bei der Berlinale haben sich die Kritiker vor Euphorie regelrecht überschlagen und beim Deutschen Fernsehpreis im Oktober wurde die aufwendige Serie als bester Mehrteiler ausgezeichnet.

Auch kleinste Rollen treffend besetzt

Marie Bäumer und Mišel MatičevićORF/WDR/Julia von Vietinghoff

"Im Angesicht des Verbrechens" lebt von den ungewohnt ungekünstelten Darstellern und Dialogen. Da wird genuschelt, berlinert und viele Dialoge sind überhaupt in (untertiteltem) Russisch. Die Rollen wurden bis in den kleinsten Nebenauftritt treffend besetzt. Marie Bäumer und Mišel Matičević fechten als Ehepaar Machtkämpfe aus und geben sich dann doch wieder romantisch. Riemelt besticht als wortkarger, getriebener Polizist mit jüdisch-russischen Wurzeln, Ronald Zehrfeld gibt als lebhafter Partner einen optimalen Kontrapunkt. Er spielt neben dem verfetteten, dekadenten Geschäftsmann Lenz (großartig: Bernd Stegemann) auch die einzige "richtige" deutsche Hauptrolle. Sonst stehen Ukrainer, Polen, Türken, Vietnamesen und natürlich Russen im Mittelpunkt.

Hauptrollen gibt es viele, denn "Im Angesicht des Verbrechens" war ein Monsterprojekt: 30 Hauptdarsteller und etwa 140 Sprechrollen mussten gecastet werden. Acht Monate hat Graf gedreht, nach der Halbzeit schritt die Gewerbeaufsicht ein, die 16-Stunden-Drehtage untersagte. Die an der vom WDR in Auftrag gegebenen Serie mitbeteiligte Produktionsfirma Typhoon AG musste Insolvenz anmelden. Zehn Millionen Euro sollen die zehn Folgen, die in Berlin, Brandenburg, der Ukraine und Weißrussland spielen, gekostet haben. Zweieinhalb Jahre war Graf mit seinem bisher größten Vorhaben, seiner ersten Fernsehserie beschäftigt.

Ein Jahr im Milieu recherchiert

Ein Jahr recherchierte Drehbuchautor Basedow im Gangstermilieu in Berlin. Detailverliebten US-Großproduktionen wie "The Wire" oder "The Sopranos" kann sie nicht das Wasser reichen. Aber die Kluft war schon größer. Amerikanische Serien hätten keinerlei Einfluss auf "Im Angesicht des Verbrechens" gehabt, sagte Basedow der "F.A.Z". Schade, man könnte noch etwas lernen. Zum Beispiel, dass man am Telefon keine Namen nennt. Schon gar nicht, wenn man einen Auftragsmord plant.

Nach dem Finale bleiben Fragen offen, gerne würde man die Charaktere weiter beobachten. Viel hängt an den Quoten, dabei machen es ARD und ORF "Im Angesicht des Verbrechens" nicht einfach: Wegen des Jugendschutzes werden sie spät ausgestrahlt, die ARD hat das Finale kurzfristig sogar umprogrammiert: Die Teile acht, neun und zehn wurden im deutschen Fernsehen am 19. November hintereinander versendet. Auflösung also weit nach Mitternacht. "Einknicken vor der Quote", nennt Regisseur Graf das gegenüber der "Süddeutschen Zeitung". Er empfindet es als "eine Ohrfeige für den treuen Zuschauer".

Meistgesehen in der Mediathek

Spediteur Lenz (Bernd Stegemann) und die Protituierte Jelena (Alina Levshin)ORF/WDR/Julia von Vietinghoff

Dabei hatte die Serie in Deutschland konstant zwei Millionen Zuschauer erreicht. Das sind deutlich weniger als 3,5 Millionen, die "Tatort"-Wiederholung an diesem Sendeplatz schaffen. Im ORF kam "Im Angesicht des Verbrechens" vergangenen Freitag immerhin auf bis zu 77.000 Zuschauer und 15 Prozent Marktanteil - ebenfalls nach Mitternacht. In der ARD-Mediathek sind alle Folgen (noch) online und gehören dort zu den am häufigsten abgerufenen Titeln - allerdings kann man sie sich wegen der Gewalt- und Sexszenen erst ab 20 Uhr ansehen.

Das Erste wolle bei Serienformaten neue Wege gehen, hatte ARD-Programmdirektor Volker Herres im Oktober versprochen: "Wir trauen uns Ungewöhnliches und wir haben den Mut zum langen Atem." Das könnte der Sender mit einer zweiten Staffel von "Im Angesicht des Verbrechens" beweisen und rechtfertigen, wieso es öffentlich-rechtliche Sender geben muss.

''Im Angesicht des Verbrechens''