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Die Ich-Pleite

Nur eine Krise kann die größte sein

Carolina Frank
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Das menschliche Gehirn kann sich nur auf eines konzentrieren.Es ist zu faul, sich das alles zu merken.

Als ich in die Schule ging, lernte man anhand des Themas Werbung noch Erörterungsaufsätze schreiben. Die Deutschlehrerin hat uns beigebracht, dass man nicht einfach sagen kann: Die Werbung ist Teufelszeug. Sondern man muss es mit logischen Argumenten begründen. Ich hoffe, meine Deutschlehrerin erfährt nie, dass ich Werbetexterin geworden bin. Das Erste, was ich in der Werbung gelernt habe, ist: Es gibt nur ein Argument. Und das ist das Kaufargument.

Kunden versuchen zwar immer viele Kaufargumente in einer Headline unterzubringen. Aber das menschliche Gehirn kann sich nur auf eines konzentrieren. Das neue Auto macht glücklich, weil es so gut aussieht.

Nicht: Das neue Auto macht glücklich, weil es so gut aussieht, einen Airbag hat und coole Räder und eine super Ausstattung und so nette Verkäufer und, und, und. Das Gehirn ist zu faul, sich das alles zu merken. Ich fürchte, bei Katastrophen ist es ähnlich. Wir lassen uns nicht gleich stark von der Klimakatastrophe, der Pandemie und Putin beeindrucken. Es kann nur eine Katastrophe die größte sein. Zum Zeitpunkt, zu dem ich das schreibe, ist es noch der Ukraine-Krieg. Der CO₂-Fußabdruck und die Pandemie müssen schauen, wo sie bleiben. Nicht dass jetzt alle Hemmungen fallen und man wieder fröhlich in den Osterurlaub fliegt. Aber der eine oder die andere mag sich schon denken: Ich fürchte mich vor dem Dritten Weltkrieg. Da kann ich mich nicht auch noch um die Klimakrise kümmern. Mir geht es so mit der Pandemie. Angesichts Millionen flüchtender Frauen und Kinder werde ich wohl meine Freundin umarmen und küssen können, ohne gleich Corona zu bekommen. Ich hätte eben beim Deutschunterricht bei den logischen Argumenten besser aufpassen müssen.

("Die Presse Schaufenster" vom 8.4.2022)