Oprah Winfrey: Noch einmal ganz große Seifenoper

(c) AP (Evan Agostini)
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Talkshow-Queen Oprah Winfrey stößt in „heilige“ Sphären vor – in die Privatwelt des Jackson- und Bush-Clans. Jetzt kommt Exfeind Jonathan Franzen. Schon der Auftakt für ihr letztes Hurra war fulminant.

Oprah mit den Jackson-Kids im Garten des Anwesens in Los Angeles, Oprah mit Papa & Mama Bush sowie George junior am Familiensitz in Kennebunkport in Maine: In ihrer 27. und letzten Saison inszeniert Oprah Winfrey noch einmal die ganz große Seifenoper. Jede Show – ein Griff in die Zauberkiste. Und irgendwann werden wohl die Obamas im Weißen Haus heraushüpfen. Schließlich ist die 56-jährige Talkshow-Queen für ihren Protegé im Präsidentschaftswahlkampf mit Leib und Seele in die Stimmschlacht gezogen.

Schon der Auftakt für ihr letztes Hurra war fulminant. Die Milliardärin, die sich ein kleines Medienimperium aufgebaut hat, lässt ihre treuesten Fans – rund 300 an der Zahl, das gesamte Studiopublikum – zu einem einwöchigen Vorweihnachtstrip nach Australien einfliegen. Und als Pilot setzt sich John Travolta ins Cockpit. Erst jüngst spendierte sie einem Obdachlosen für einen Witz 100 Dollar, erst am Freitag verteilte sie wieder mal Geschenke. Kunststück, immerhin führt sie die Liste der bestverdienenden Entertainer seit Jahren an.


Als sie neulich den Jackson-Clan – die First Family des Pop – in seinem Refugium heimsuchte, fiel sie der Matriarchin Katherine Jackson quasi mit der Tür ins Haus. „Ich hatte mir nichts sehnlicher erträumt, als Ihre Schwiegertochter zu werden“, gestand sie gewohnt offenherzig. Anfang der 1970er-Jahre habe sie, erzählte Winfrey, für den ältesten Sohn, Jackie, geschwärmt. Dass seine Mutter der Talkshow-Moderatorin einen exklusiven Blick in die Privatsphäre gewährte, um mit dem von ihr längst getrennt lebenden Mann Joe eine heile Großfamilie vorzugaukeln, brachte den jüngsten Sohn, Randy, auf die Palme. „Das wäre das Letzte, was Michael gewollt hätte.“

Der Auftritt sollte wohl vor allem das Interesse für das Album „Michael“ anheizen, das im Vorweihnachtsgeschäft herauskommt. Nicht einmal die Kinder Michael Jacksons würden an die Authentizität der Songs glauben, raunen Insider im Internetportal TMZ. Um Prince, Paris und Blanket, die drei sorgsam abgeschirmten Sprösslinge des Popstars, sollte sich in erster Linie auch die Oprah-Winfrey-Show drehen.

Zunächst durchliefen Katherine und Joe noch einmal die Stationen der Michael-Jackson-Tragödie – von der Tablettenabhängigkeit bis zur Sucht nach der Schönheitschirurgie, von den Schlägen der Kindheit bis zum abrupten Tod durch Überdosis am 25.Juni2009. Als sie die Nachricht erreichte, sei sie als Zeugin Jehovas auf Missionstour gewesen, berichtete die 80-jährige Mutter. Und Clan-Chef Joe findet immer noch nichts dabei, seine Kinder malträtiert zu haben, damit sie nicht „ins Gefängnis“ kämen.

Umringt von einer Schar von Cousins und Cousinen, beim Badminton und am Gartentisch, zeigten sich Prince und Paris beinahe wie normale Kids. Seit Herbst besuchen sie eine Privatschule. Sie wollen ins „Familienbusiness“, das Showbiz, einsteigen: Prince als Regisseur, Paris als Schauspielerin.

Das Familienbusiness in der Bush-Dynastie ist dagegen die Politik. Die Lobhudelei kam auch hier nicht zu kurz, als „41“ und „43“ – so der Familienjargon für den 41. und 43. US-Präsidenten – auf dem Blümchensofa im Feriendomizil in Kennebunkport Platz nahmen, um anlässlich der Memoiren „Decision Points“ über das Leben in der Politik zu räsonieren. „Ich bin fertig mit der Politik. Ich lasse mich nicht mehr in den Sumpf ziehen“, sagte George W. Bush im Plauderton. Oprah schäkerte: „Lassen Sie sie doch.“ Berührungsängste kennt die Obama-Anhängerin keine: Sie schmatzte Bush zur Begrüßung ab.


Wie herzlich Winfrey Jonathan Franzen empfangen wird, der am 6.Dezember bei ihr zu Gast sein wird? Immerhin hatte Franzen vor neun Jahren, als sein Erfolgsbuch „Die Korrekturen“ erschien, mit Kritik an Oprahs Buchklub eine heftige Kontroverse ausgelöst – worauf ihn Winfrey aus ihrer Show ausgeladen hatte. Den Buchklub hatte die Talkmasterin Mitte der 1990er gegründet, längst gilt er als Indikator für die Bestsellerlisten. Doch Franzen verzichtete als „unabhängiger Schriftsteller“ damals dankend auf den Buchklub-Sticker. Mit „Freiheit“ ist Franzen nun also wieder willkommen, er nahm die Einladung an, in der Sendung sollen sich die beiden Gerüchten zufolge gleich mehrmals um den Hals fallen.

Niemand stößt in so abgeschottete Sphären wie die Privatwelt von Popstars und Präsidenten vor und kitzelt aus ihnen die menschelnd-menschliche Seite heraus wie Oprah Winfrey, ohne ihnen dabei wehzutun. Der Preis ist, einen kleinen Zipfel von der Intimsphäre preiszugeben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.11.2010)

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