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US-Kommunalanleihen: "Das neue systemische Risiko"

USA WILLIS TOWER
(c) EPA (Tannen Maury)
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Investoren haben so viel Geld aus Anleihenfonds abgezogen wie noch nie zuvor. Zweifel an der Zahlungsfähigkeit vieler US-Bundesstaaten werden laut. Der US-Staat Illinois wird schlechter bewertet als der Irak.

Immer mehr US-Bundesstaaten kämpfen mit sinkenden Steuereinnahmen und höheren Kosten für Pensionszahlungen. Das nährt unter Investoren die Ängste, dass Staaten wie Kalifornien ihre Schulden bald nicht mehr begleichen können. Sie kehren daher dem 2,8 Billionen Dollar großen US-Kommunalanleihen-Markt den Rücken, berichtet das "Handelsblatt". Die Anleger haben demnach vorige Woche mit drei Milliarden Dollar soviel Geld aus offenen Anleihenfonds abgezogen wie noch nie zuvor in den vergangenen 19 Jahren.

Bereits vor einer Woche warnte das Bankhaus Metzler, dass für die derzeit mit dem Schuldendrama in Irland beschäftigten Finanzmärkte schon das "nächste brisante Problem vor der Tür" steht. Die Analysten sprachen von einem Preisverfall sondergleichen: "Immer mehr Anleger zweifeln an der Zahlungsfähigkeit amerikanischer Städte und Gemeinden".

Illinois schlechter bewertet als der Irak

Die Folgen für die ohnehin angeschlagenen Bundesstaaten und Kommunen sind schmerzhaft: Bei der Platzierung neuer Anleihen müssen sie immer höhere Zinsen bieten, um sich Geld leihen zu können. Das "Handelsblatt" nennt auch den Hauptgrund für den Rückzug der Investoren aus den Kommunalanleihen: Die politische Veränderungen US-Kongresswahlen Anfang November. Denn das auslaufende Anleiheprogramm "Build America Bonds", bei dem die US-Regierung 35 Prozent der Zinszahlung von Anleihen übernimmt, läuft aus. Eine Verlängerung durch die nun im Repräsentantenhaus dominierenden Republikaner gilt als zweifelhaft.

Mit Hilfe des Programms konnten sich bislang auch Bundesstaaten wie Illinois, dessen Bonität laut CMA Datavision noch schlechter bewertet als die des Irak, zu erträglichen Konditionen am Kapitalmarkt Geld leihen.

"Das neue systemische Risiko"

"Die Ähnlichkeiten zwischen den Bundesstaaten und den Banken sind extrem", sagte kürzlich auch die Staranalystin Meredith Whitney in einem Interview mit dem US-TV-Sender CNBC. "Die kommunalen Schulden haben sich seit 2000 verdoppelt. Das ganze erinnert mich so sehr an die Situation der Banken vor der Krise". In einem 600 Seiten starken Bericht mit dem Titel "Die Tragödie der Kommunen" hatte sie die US-Bundesstaaten als das "neue systemische Risiko der Finanzmärkte" bezeichnet.

Whitney gelangte zu Bekanntheit, weil sie 2007 eine Dividendenkürzung bei der Citigroup vorhersagte. Daraufhin musste der damalige Citi-Chef Chuck Prince zurücktreten.

(Red.)