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Roman

Schwieriges Liebesleben in Pjöngjang

(c) Daniela Imhoff
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Der deutsche Autor Andreas Stichmann erzählt in seinem Roman von einer ungewöhnlichen zwischenmenschlichen Konstellation vor der beklemmenden Kulisse Nordkoreas.

Claudia Aebischer ist nicht das erste Mal in Nordkorea. Als Präsidentin des Verbandes europäischer Bibliotheken führt sie eine kleine Delegation an, die die Deutsche Bibliothek in Pjöngjang eröffnen soll. Mit dem Zug reisen sie von der chinesischen Grenzstadt Dandong in die nordkoreanische Hauptstadt. Bei der Ankunft werden ihnen Handys und Pässe abgenommen, was Claudias Kollegen erschreckt, obwohl es ihnen vorher gesagt worden ist. Es sind vor allem junge Journalistinnen und Journalisten, „es war viel Ambition an Bord. Menschen, die in Wirklichkeit noch keinen Schimmer hatten, wohin genau sie so dringend strebten“.

Für die 50-jährige Claudia, noch in der ehemaligen DDR sozialisiert, sind diese Gepflogenheiten normal, sie wundert sich auch nicht, dass sie eine Begleiterin zur Seite gestellt bekommt: Sunmi, eine junge Dolmetscherin vom Touristikbüro, die fließend Deutsch spricht und mit einem alten Germanistikprofessor und Militär verheiratet ist. Dem Regime ist Claudias lesbische Neigung offenbar bekannt, denn Sunmi bekommt die Anweisung, sich so zu kleiden, dass es der Deutschen gefällt. Nach der Eröffnung der Bibliothek soll die Delegation in das Gebiet des Vulkans Paektusan und des Himmelsees fahren, ein Erholungsgebiet für Veteranen, an der chinesischen Grenze im Norden gelegen, das die nordkoreanische Regierung als Touristenattraktion erschließen möchte.

Andreas Stichmann, 1983 in Bonn geboren, hat einige Zeit in Pjöngjang verbracht und zeichnet in seinem Roman „Eine Liebe in Pjöngjang“ die beklemmende Atmosphäre eines Landes, gefangen in einer der rigidesten Diktaturen der Welt, mit ihrem Militärpomp und dem allgegenwärtigen Porträt von Kim Jong-un und seinen Vätern, mit leichten Sätzen und manchmal ein bisschen zu blumigen Bildern. Anders gesagt, der Autor hat keine allzu großen Berührungsängste zum Kitsch. Trotzdem bleibt der Unterton unheimlich und beängstigend. Nie kann man wissen, ob nicht jemand aus dem Nichts heraus verhaftet und weggeschafft wird. 

Claudias und Sunmis Perspektiven wechseln einander ab, Claudias distanzierte und ironische Haltung erodiert im Verlauf der Handlung, je mehr sie sich Sunmi verbunden fühlt und sich schließlich als verliebt erkennen muss, desto geringer wird ihr professioneller, beruflicher Abstand. Sunmi scheint ähnliche Gefühle zu entwickeln, bleibt aber ambivalent. Für sie ist die Gefahr ungleich höher, die Flucht über die chinesische Grenze ein extremes Wagnis, das nur mit dem Tod oder dem Verschwinden in einem Lager enden kann, wenn es denn misslingt. Man weiß nicht, wie tief ihre Gefühle wirklich gehen oder ob sie nicht von der Verheißung eines freien Lebens in Deutschland überlagert werden. Letztendlich macht es keinen Unterschied, die Entscheidung, die sie fällt, trifft sie aus anderen Gründen. 

Andreas Stichmann: „Eine Liebe in Pjöngjang“, Roman, Rowohlt-Verlag, 158 Seiten, 20,60 Euro