Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Streaming

Der Held der Nation, ein Monster: Das war Jimmy Savile

Wurde nie zur Rechenschaft gezogen: Jimmy Savile.
Wurde nie zur Rechenschaft gezogen: Jimmy Savile.(c) Courtesy of Netflix
  • Drucken

Eine Dokumentation auf Netflix zeigt das Leben des BBC-Moderators Jimmy Savile, der Hunderte von Kindern sexuell missbrauchte. Man sieht, was jeder sehen konnte - und ist fassungslos.

Hätte jemand eine Geschichte wie die von Jimmy Savile erfunden, man würde sie völlig unglaubwürdig nennen. Ein Mann, den die Nation liebte, der witzig war und charmant, der als großer Wohltäter ganze Kliniken rettete, aber in Wahrheit ein Monster war? Vor elf Jahren starb der Brite, der ein ganzes Land täuschte, Familien quer durch alle Schichten bis ins Königshaus. Erst nach seinem Tod kamen rund 500 Fälle des sexuellen Missbrauchs und der Vergewaltigung an die Öffentlichkeit. Scotland Yard bezeichnete ihn als den "schlimmsten Sexualverbrecher in der Geschichte des Landes".

Die zweiteilige Netflix-Doku "Jimmy Savile: A British Horror Story" beleuchtet ihn und seine Geschichte. Sie zeigt, wie Savile als Moderator von "Top of the Pops" die Herzen zuflogen. Wie er mit seiner Sendung "Jim'll fix it" eine Generation von Kindern prägte. Tausende von Briefen schrieben sie pro Woche, darin jeweils ihr größter Traum, den Jimmy verwirklichen sollte. Für die Sendung durfte ein kleiner Bub seine Lehrerin elegant zum Essen ausführen, ein größerer mit einem Motorrad durch einen brennenden Reifen springen. Ein Mädchen wurde königlich gekleidet in Sänften getragen. Man sieht die Aufnahmen, wie Savile nach der Sendung Kinder in sein Auto bugsiert, fröhliches Winken und ab geht's.

Ein Ratgeber für Prince Charles

Grausam sind diese Bilder für den Zuseher, der die Verbrechen des Mannes im Hinterkopf hat. Der BBC-Star war im ganzen Land unterwegs, auch Kliniken jeder Art besuchte er häufig, schließlich war er ein bekannter Wohltäter, sammelte Gelder (40 Millionen Pfund!) und erhielt dafür Schlüssel. Sogar in einer streng gesicherten psychiatrischen Heilanstalt ging er ein und aus. Er hatte die besten Kontakte, war etwa befreundet mit Margaret Thatcher. Prince Charles suchte in Beziehungssachen Rat bei ihm, wie die Doku mit Briefen belegt.

Die Dokumentation verzichtet auf eindeutige Antworten, was die Psychologie des Sexualverbrechers betrifft. Und doch wird darauf hingedeutet, dass Savile es in den ersten Jahren darauf anlegte, gefasst zu werden. Und vielleicht sogar darauf hoffte. Er verausgabte sich beim Sport, sammelte dabei Gelder für gute Zwecke. Ein Journalist, der ihn über einen Langstreckenlauf hinweg begleitete, fragte ihn, ob er sich damit selbst bestrafe. Man sieht Savile in Großaufnahme, ein eindrücklicher Moment. "Nein", sagt er schließlich. Man müsse sich nur selbst bestrafen, wenn man mit jungen Damen zusammen sei, ". . . weil man so ein Schuft ist und nicht nett zu ihnen und man drückt sie und bringt sie dazu, 'Autsch!' und sowas zu sagen."

Das Publikum lachte stets

Savile, ein praktizierender Katholik, wurde immer deutlicher, scherzte über die "dunklen Mächte", die ihm innewohnten, benahm sich etwa auch sexuell aggressiv gegenüber einer jungen Frau im Live-Fernsehen. Das Publikum lachte, egal, was er tat. Und in seinem Umkreis wurde geschwiegen. Gerüchte über eine pädophile Neigung des Moderators gab es, aber es war leises Gemurmel im Hintergrund. Als ein Artikel mit konkreten Anschuldigungen erscheinen sollte, wurde er in letzter Minute gestoppt. So konnte sich Savile geschätzt 40 Jahre lang an Kindern und jungen Frauen vergehen.

Es kommen auch Opfer und Zeitzeugen zu Wort. Hauptsächlich aber sieht man in der Dokumentation Savile: in extravaganter bis geckenhafter Kleidung, mit Zigarre zwischen den Lippen, scherzend, seinen Erfolg genießend. Ist es richtig, ihn mit Archivaufnahmen erneut so ins Rampenlicht zu stellen? Sollten nicht vielmehr das Leid der Opfer oder die Fehler der Polizei, die Pädophilie als "Thema für Frauen" einstufte, im Mittelpunkt stehen? Nach drei Stunden versteht man, wie möglich war, was unmöglich erscheint: dass Jimmy Savile über 40 Jahre lang ungeschoren davonkam. Dass die Menschen nicht sehen wollten, was sie hätten sehen müssen. Das ist jedenfalls hochspannend.

Aktuell zu sehen auf Netflix: "Jimmy Savile: A British Horror Story"