Der neue „Kurier“-Chefredakteur, Helmut Brandstätter, hat das Büro sanft umgebaut und muss „moderat“ Personal sparen. Die Redaktion ist angespannt.
Helmut Brandstätter ist bald vier Monate im Amt, am Montag erzählte er im Wiener Zigarrenklub erstmals von seinen Plänen für die Zukunft des „Kurier“. Die Zeitung sei „natürlich eine Qualitätszeitung“, weil sie „relevante Meldungen mit Fakten, die stimmen, aufbereitet und dazu eine Meinung liefert“, sagte er. Er wolle künftig die Marke stärken. Ihm sei klar, dass dazu „ein ordentlicher Auftritt im Internet“ gehöre. Wichtig für die Marke seien die bekannten Köpfe des Hauses. Er nannte unter anderem: Chef-Interviewerin Conny Bischofberger, Chef-Historiker Georg Markus, Innenpolitikerin Daniela Kittner und Kultur-Chef Gert Korentschnig.
Auch räumliche Änderungen bringt der neue Chef. Nächste Woche wird der „Newsroom“ im vierten Stock der Redaktion in der Lindengasse eröffnet. Wobei das Ergebnis der rund zweimonatigen Umbauarbeiten (zu den Kosten wollte Brandstätter nichts sagen) bestenfalls als „Newsroom light“ durchgehen kann: Künftig sollen dort nur wenige Mitarbeiter (Chef vom Dienst, Ressortleiter, acht Online-Mitarbeiter) sitzen. Alle anderen Redakteure behalten ihre alten Büros. Das hat intern für Kritik gesorgt: Man würde die Ressortleiter von ihrem Team abkoppeln, so der Vorwurf.
Bevor Brandstätter am Montag im Zigarrenklub auftrat, hatte der Aufsichtsrat der Eigentümer Raiffeisen und WAZ getagt. Wie aus einem internen „Kurier“-Rundmail des Betriebsrates hervorging, wurde die Geschäftsführung vom Aufsichtsrat beauftragt, „Maßnahmen zur Senkung der Personalkosten in Angriff zu nehmen“. Die Wiener „Kurier“-Redaktion galt bislang als eine der zahlenmäßig am stärksten besetzten Printredaktionen des Landes.
"Kurier"-Betriebsrat freigestellt
Brandstätter nahm zu den Personalkürzungen Stellung: „Es wird moderate Einsparungen beim Personal geben.“ Er sehe das „aber nicht so dramatisch“. Der Betriebsrat ahnt offenbar, was auf ihn zukommt. Kultur- und Medienredakteur Christoph Silber ließ sich am Montag bis auf Weiteres von seiner redaktionellen Tätigkeit freistellen, was Brandstätter auf Nachfrage der „Presse“ bestätigte. Die Redaktion sei darüber nicht sonderlich erfreut, heißt es. Dass in Zeiten von massiven Personalkürzungen ein Redakteur bei vollen Bezügen von der redaktionellen Tätigkeit freigestellt wird, wollen manche im Haus nicht einsehen. Die Stimmung wird als generell angespannt-abwartend beschrieben. Erste Abgänge und Umstrukturierungen gibt es bereits: So soll Chefreporter Peter Grolig bereits freigestellt sein. Die frühere Chronik-Chefin Eva Gogola wechselte bereits in die "Freizeit" an Stelle von Gabriele Kuhn, die wiederum an einem Lifestyle-Magazin arbeitet.
Zuletzt hatte die „Kurier.at“-Applikation (kurz: App) unter iPhone-Nutzern für Aufregung gesorgt. Die Zeitung hatte damit geworben, dass Raiffeisen die ersten 10.000 Stück der kostenpflichtigen App „verschenkt“. Vor einigen Tagen wurden die Besitzer dieser geschenkten Vollversion (die sonst einmalig 1,59 € kostet) aufgefordert, ein „Update“ zu machen. Durch dieses wurde aus der Vollversion ohne Vorwarnung die gratis erhältliche „Kurier.at Lite“-App mit viel weniger redaktionellen Inhalten. Brandstätter versteht die Aufregung nicht. Ab Jänner startet das Blatt eine iPad-Applikation um 9,90 € pro Monat.
Die oft angeprangerte Einflussnahme auf die Zeitung durch Raiffeisen-Boss Christian Konrad schloss Brandstätter am Montag aus. "Man würde ja auch nicht vermuten, dass er bei der NÖM anruft und sagt: Ich hab so gern das Ribiseljoghurt, macht mehr davon." Konrad habe bereits eine Raiffeisenzeitung. „Da braucht er keine zweite.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2010 (online ergänzt))