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Interview

Alexei Wenediktow: „Da haben mich sechs Leute aus dem Kreml angerufen“

Wie immer im karierten Hemd: Wenediktow in den Redaktionsräumen von „Echo Moskwy“, als es sie noch gab: Der Mietvertrag wurde gekündigt.
Wie immer im karierten Hemd: Wenediktow in den Redaktionsräumen von „Echo Moskwy“, als es sie noch gab: Der Mietvertrag wurde gekündigt.Anton Novoderezhkin / Tass / pic
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Er kennt alle bis hinauf zu Putin persönlich: Alexei Wenediktow, der Chef des nun verbotenen Radios »Echo Moskwy«. Die Journalistenlegende über den Ursprung der russischen Wut, »Monster« im Kreml und Putins Problem mit den Kriegsbefürwortern.

Unter Russlands führenden Journalisten ist er ein Unikum und eine Institution: Der 66-jährige Alexei Wenediktow ist vernetzt im Establishment wie keiner, ein alter Freund des Präsidenten-Sprechers Dmitri Peskow – und trotzdem einer der prominentesten Kreml-Kritiker. Seit Jahrzehnten führte er das unabhängige und zuletzt in Moskau meistgehörte Radio „Echo Moskwy“: bis zum 1. März 2022.


Sie geben einem Rätsel auf. In den Videos, die Sie seit dem Verbot von „Echo Moskwy“ über YouTube senden, nehmen Sie sich weiterhin kein Blatt vor den Mund, dabei sind Sie noch in Russland – wie geht das?

Ganz einfach, der Kreml hat „Echo Moskwy“ abgeschafft, aber nicht unsere Hörer. Die wollen weiterhin politische Analysen und unterschiedliche Meinungen, also müssen wir diese Gerichte für sie zubereiten. Unsere Küche funktioniert im Prinzip wie immer. Man hat uns die Karotten verboten? Na gut, dann halt keine Karotten! Aber Suppe, Fleisch, Desserts, das bleibt. Wir arbeiten über neue Kanäle, aber weiter professionell. Für Blödsinn und Propaganda fehlt uns die Kompetenz. Und wenn wir vom Krieg reden, sagen wir „Spezialoperation – aber Sie verstehen . . .“


Die Zensur als Karottenentzug? Im Ernst, wie lang können Sie sich das leisten?

Solange ich nicht direkt körperlich bedroht werde, bleibe ich hier. Hören Sie, wir Journalisten handeln mit Vertrauen. Wir kaufen und verkaufen Vertrauen. Ich glaube, wenn wir hier bleiben mit den Menschen unseres Landes, gewinnen wir Vertrauen. Wenn wir in der gleichen Lage sind wie unsere Hörer, wenn auch wir die Folgen der Sanktionen und der Zensur abkriegen. Natürlich hat man mir Arbeit in verschiedenen Ländern angeboten, in denen ich prominent bin, auch gemeinsam mit meinen Kollegen. Ich habe abgelehnt.


Vieles erfährt man von Ihnen, bevor es im Westen irgendwo zu hören ist. So sagten Sie schon vor Wochen einen Waffenstillstand für die erste Maiwoche voraus. Warum?