Nur wenige Tage nach der Ankündigung einer Neuauflage seines legendären Orgien-Mysterien-Theaters verstarb der Mitbegründer des Wiener Aktionismus im Alter von 83 Jahren.
Hermann Nitsch, einer der bekanntesten Künstler Österreichs, ist tot: Nur wenige Tage nach der Ankündigung einer Neuauflage seines legendären Orgien-Mysterien-Theaters verstarb er im Alter von 83 Jahren, berichtet der ORF am Dienstag unter Berufung auf die Familie des Künstlers. Der Mitbegründer des Wiener Aktionismus sei „sehr friedlich" eingeschlafen, bestätigt seine Frau Rita Nitsch.
„Wir wissen alle, wir werden unter Schmerzen geboren und - ich werde das bald einmal erfahren - auch das Sterben hat wahrscheinlich etwas mit Schmerzen zu tun“, sagte Nitsch anlässlich seines 80. Geburtstages gegenüber dem ORF Niederösterreich. Über seine Arbeit meinte er damals, er wolle damit „eigentlich alles zeigen, was es gibt. Passion, den Tod, Leid, Wollust, innigste Freude, Seinsmüßigkeit, eben auch den Schmerz.“
Von Schrei- und Lärmaktionen bis Lammzerreissungen
Nitsch wurde am 29. August 1938 in Wien geboren. Er gilt als Gründer des Wiener Aktionismus. Nach einer diplomierten Ausbildung an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien von 1953 bis 1958 übernahm er eine Stelle als Gebrauchsgrafiker am technischen Museum der Stadt.
Hermann Nitsch, Mitbegründer des Wiener Aktionismus und einer der international bedeutendsten Künstler Österreichs, ist am Ostermontag im Alter von 83 Jahren gestorben. Im Bild: Nitsch 2004 in seinem Schloss in Prinzendorf (c) Die Presse/Clemens Fabry
Er wurde am 29. August 1938 in Wien geboren. Seine Kindheit war vom Krieg geprägt. Die Mutter zog ihren Sohn alleine auf. "Ich habe in diesem Alter schon wirklich Todesangst gehabt und begriffen, was es heißt zu sterben, die Wohnung zu verlieren und kein Zuhause zu haben", schrieb Nitsch einst in einem Katalogtext. (c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)
Nach dem Krieg besuchte Nitsch in Wien die Grafische Lehr- und Versuchsanstalt mit dem Ziel, Kirchenmaler zu werden. Seine Beschäftigung mit sakralen und religiösen Themen sollte ihn sein Leben lang nicht mehr loslassen. Im Bild: Gemälde von Nitsch im Schloss Prinzendorf (c) imago/Rolf Hayo
Mitte der 1950er-Jahre entstand seine Idee für das Orgien Mysterien Theater, prägend für alles, was danach kommen sollte. Basierend auf den griechischen Tragödien und beeinflusst von Expressionisten wollte er eine Art Urdrama der Welt auf die Beine stellen, das alle Konflikte der Menschheit abbildet. Im Bild: Abreaktionsspiel von Hermann Nitsch in München 1969 (c) imago images/Heinz Gebhardt (Heinz Gebhardt via www.imago-ima)
In den frühen 1960er-Jahren gründete er zusammen mit Günther Brus, Otto Muehl und Rudolf Schwarzkogler die Bewegung des Wiener Aktionismus, der sich als Kontrapunkt zur Wohlfühlkunst verstand. Gegen Nitsch und seine Mitstreiter gab es heftige Anfeindungen. Die Kunstaktionen zogen auch Prozesse und Haftstrafen nach sich. 1968 emigrierte der "Skandalkünstler" deshalb nach München. Im Bild: Abreaktionsspiel von Hermann Nitsch in München 1969 (c) imago images/Heinz Gebhardt (Heinz Gebhardt via www.imago-ima)
Während er in seiner Heimat noch beschimpft wurde, stellten sich zu dieser Zeit im Ausland erste große Erfolge ein, er stellte in New York und London aus. Seine Vision eines Gesamtkunstwerks blieb, der Erwerb von Schloss Prinzendorf in Niederösterreich Anfang der 1970er-Jahre dafür wichtig. Im Bild: Nitsch in Prinzendorf 1989 (c) imago stock&people
Nitschs Lebensmittelpunkt verlagerte sich wieder nach Österreich, und Prinzendorf wurde gleichsam zum persönlichen Grünen Hügel des Meisters. Das Anwesen wurde von Beginn der 1970er-Jahre an zum Austragungsort zahlreicher Aktionen des Orgien Mysterien Theaters. Im Bild: Nitsch in Prinzendorf 1989 (c) imago stock&people
Sein Ideal des Sechs-Tage-Spiels verwirklichte Nitsch erstmals 1998 in Schloss Prinzendorf als Höhepunkt seines Schaffens. Die Veranstaltung führte zu einem enormen Medienrummel und sorgte für viel Erregung. Im Bild: Sechs-Tage-Spiel 1998 (c) REUTERS (HEINZ CIBULKA)
Proteste von Kritikern und Tierschützern begleiteten den Künstler sein Leben lang. Noch 2015 gingen Tierschützer gegen eine Ausstellung in Palermo auf die Straße - und es gab auch Anzeigen. (c) imago images/ZUMA Wire (imago stock&people)
Die wohl größten Auszeichnungen für den Künstler waren und sind hingegen die beiden Museen in Mistelbach und Neapel, die Hermann Nitsch bereits zu Lebzeiten gewidmet wurden. UIm Vorjahr verwandelte er in Bayreuth eine halbszenische "Walküre" mit einer gigantischen Malaktion in ein Farbereignis. Im Bild: Nitsch-Museum in Mistelbach (c) imago images/viennaslide (www.viennaslide.com via www.imago-images.de)
Nitsch machte nicht nur malerische, sondern auch musikalische Kunst - zu letzteren zählten Lärmorchester, Schreichöre und elektronisch verstärkte Instrumente. Im Bild: Uraufführung von "Mythos" 1999 in der Staatsoper, Musik und Bühnenbild stammten von Nitsch (c) REUTERS (HERWIG PRAMMER)
Die letzte Realisierung der ersten beiden Tage seines im Vorjahr coronabedingt verschobenen Sechs-Tage-Spiels am 30. und 31. Juli wird Nitsch nun nicht mehr erleben. (c) imago stock&people (imago stock&people)
Hermann Nitsch: Aktionismus, Blut und Religion
Im Jahr 1960 fanden seine ersten Malaktionen statt, die die Idee des sogenannten Orgien-Mysterien-Theaters umzusetzen versuchten. Die Aktionen, bei denen es um das intensive sinnliche Erleben verschiedenster Substanzen und Flüssigkeiten geht, werden in den folgenden Jahren immer provokativer. „Nach Schrei- und Lärmaktionen als Abreaktionsspiele realisiert Nitsch Lammzerreissungen, die zu weiteren Aktionen mit Fleisch führen“, heißt es auf der Homepage des „Nitschmuseums".
1971 kaufte Nitsch das niederösterreichische Schloss Prinzendorf aus dem Besitz der Kirche, wo er fortan nicht nur malerische, sondern auch musikalische Kunst ausstellte - zu letzteren zählten Lärmorchester, Schreichöre und elektronisch verstärkte Instrumente. Als Höhepunkt von Nitschs Projekten gelten seine Schüttbilder und sein Orgien Mysterien Theater: Dessen Höhepunkt war das 1998 auf Schloss Prinzendorf umgesetzte Sechs-Tage-Spiel. Heuer sollte es wieder stattfinden, zumindest die ersten beiden Tage am 30. und 31. Juli. Nitsch wird es nun nicht mehr erleben. >>> Aus dem Archiv: Hermann Nitsch: „Ich habe die Schwelle Bayreuths geküsst“
In einem seiner letzten Interviews mit der „Presse“ sprach er mit Almuth Spiegler über seine Pläne für die „Walküre“ bei den Bayreuther Festspielen und seine Liebe zur Musik, die er mit eigenen Kompositionen zum Ausdruck brachte.
Nitsch 2003 während einer Blut-Performance in der Frankfurter Kunsthalle SchirnAPA/dpa/dpaweb