Hat Tycho Brahes Tod den „Hamlet“ inspiriert?

Ein dänisch-französischer Forscher glaubt, dass der Astronom ermordet wurde und diese Tat in Shakespeares Tragödie einfloss.

Er ist Däne. Er heißt Andersen. Und er kann Märchen so erzählen, dass sie fast glaubwürdig erscheinen. Die Tragödie vom Prinzen „Hamlet“, die aus dem Nebel der Geschichte auftaucht, um sich am Ende der Tudor-Zeit in London zu materialisieren, hat für Peter Andersen (Universität Straßburg) ein aktuelles Vorbild: Shakespeare habe den bösen Onkel Claudius nach Tycho Brahe geformt, einem Zeitgenossen des Dichters.

Brahe war Astronom. 21Jahre lang schaute er von dänischen Sternwarten aus in den Himmel, fand sogar einen neuen Stern und verhielt sich kompromissbereit im Streit zwischen Helio- und Geozentrikern. Nach dem Tod von König FriedrichII. kürzte dessen Sohn ChristianIV. die Grundlagenforschung. Brahe verließ sein Land 1597, um schließlich an den Hof Kaiser RudolphsII. in Prag zu gelangen und zu sterben – an Harnverhaltung, weil er beim Dinner mit dem Monarchen den Tisch nicht verlassen durfte, lernte man bisher in der Schule.

Jetzt aber kommt die dänisch-französische Intrige: Brahe sei 1601 im Auftrag ChristiansIV. ermordet worden, weil der Astronom angeblich eine Affäre mit der Königinmutter und deshalb deren Gatten aus dem Weg geräumt hatte. Indizien? Die Giftsuppe ist dünn. In Brahes Knochen fand man vor 20Jahren in Prag Spuren von Quecksilber. Bei einem Forscher, der sich auch der Alchimie ergab, ist das zwar nicht ungewöhnlich. Doch Exeget Andersen schließt messerscharf: Brahe könnte vergiftet worden sein. Und ein Verwandter des Astronomen schreibt in seinen Tagebüchern von einer Schuld, ohne diese näher zu begründen.

Was aber, wenn Hamlet vor 1601 entstanden ist? Die erste dokumentierte Aufführung fand im Juli 1602 in London statt, doch ein Ur-Hamlet, der die Quellen des dänischen Historikers Saxo Grammaticus aus dem zwölften Jahrhundert plünderte, war bereits in den Neunzigerjahren in Umlauf gewesen. Das Drama wird Thomas Kyd (1558 – 1594) zugeschrieben. Er nutzte vielleicht auch einen früheren französischen Text. Das dänische Komplott würde alle Grenzen sprengen. norb

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2010)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.