Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Kino

Was ein Bobo aus Wien von einem Bergbauern lernen kann

Auf dem Weg zur Zirbenernte: Bauer Christian Bachler (l.) und „Bobo“ Florian Klenk.
Auf dem Weg zur Zirbenernte: Bauer Christian Bachler (l.) und „Bobo“ Florian Klenk.Langbein & Partner
  • Drucken

In der Dokumenatation „Der Bauer und der Bobo“ geht Florian Klenk auf Tuchfühlung mit dem bäuerlichen Leben: Humor trifft Culture Clash trifft Marketing. Im Kino.

Treffen sich ein Bauer und ein Bobo auf der Alm . . . Nein, das ist nicht der Auftakt zu einem halblustigen Witz, sondern der Beginn einer ungewöhnlichen Männerfreundschaft. Die es nicht geben würde, hätte es nicht 2014 ein dramatisches Ereignis auf einer Alm gegeben: Im beschaulichen Tiroler Pinnistal fühlten sich Kühe, die mit ihren Kälbern weideten, vom Hund einer Wanderin bedroht – und griffen ihn an. Die Frau wollte ihren Hund beschützen und kam bei der Attacke zu Tode. Das Gericht sprach den Hinterbliebenen Schadenersatz und eine monatliche Rente zu. Ein Urteil, das in der Öffentlichkeit diskutiert wurde.

Falter“-Chefredakteur Florian Klenk fand die Entscheidung richtig, wie er in einer TV-Diskussion sagte. Das brachte Bergbauer Christian Bachler auf die Palme, besser gesagt: auf das Dach seines Schweinestalls. Er stellte sich dort hin, brachte sein Handy in Position und ließ eine 15 Minuten lange Schimpftirade gegen den „Bobo aus Wien“ los.

Kritik am „Ober-Falter“ Klenk

Der „Ober-Falter“ (Bachler über Klenk) sei arrogant und ahnungslos. Er solle doch einmal zu ihm auf den höchstgelegenen Bauernhof der Steiermark kommen und schauen, wie mühselig die bäuerliche Arbeit ist, mit der sich unter den gegebenen Bedingungen wenig bis nichts verdienen lässt. Klenk wisse nicht, wie das ist, wenn einem finanziell ständig das Wasser bis zum Hals steht. An diesem Punkt hätte die Geschichte schon wieder aus sein können.

Doch Klenk nahm die Herausforderung an. Man darf annehmen, er hätte das nicht getan, hätte der „Wutbauer“, wie Bachler seither genannt wird, nicht binnen kürzester Zeit 200.000 Views auf Facebook generiert. Da sprang Klenks journalistischer Instinkt an: Das Thema interessiert die Leute.

Verbale Sparringpartner

Außerdem hatte Bachler ins Schwarze getroffen: Er habe, sagt Klenk in Kurt Langbeins Doku „Der Bauer und der Bobo“, tatsächlich nie Existenzängste gehabt. Und keine Ahnung von Landwirtschaft. Dass Bachler ihm als verbaler Sparringpartner nicht nur gewachsen sein, sondern mit seiner humorvollen Art auch Sympathiepunkte bringen würde, war Klenk bestimmt klar, als er das Filmprojekt anging. Der „Falter“-Chef, der in sozialen Medien durchaus polarisiert, ist immer wieder öffentlicher Kritik ausgesetzt. Im Film wirkt er oft wie ein Schulbub, der mit großen Augen oder – wenn der Bauer eine Sau schlachtet, völlig stressfrei, direkt in der Suhle – auch mit ein wenig Grausen eine für ihn völlig neue Welt entdeckt.

Der eigentliche Star des Films ist Bachler. Er braucht kein Skript, um eindrücklich und amüsant zu erklären, dass auf der Alm andere Regeln gelten: „Die Kuh macht keinen Sesselkreis und spielt Ball fangen, sondern da staubt's z'erscht.“ Als Städter oder einfach Nichtbauer kann man von ihm einiges lernen. Über den Zerfall der bäuerlichen Gesellschaft. Über den Preisdruck: Von der Stelze, die Bachler beim Gegenbesuch in Wien bestellt, bleiben dem Bauern 1,30 Euro pro Kilo. Über hirnrissige Vorgaben für EU-Förderungen, die Auswirkungen des Klimawandels und dass ein Liter Zirbenschnaps so viel einbringt wie 400 Liter Kuhmilch.

Selbstvermarktung und Selbstironie

Freilich geht es auch um Selbstvermarktung: Klenk hat schon das Buch „Bauer und Bobo“ bei Zsolnay veröffentlicht und eine Comic-Version für Kinder angekündigt. Im Film inszeniert er sich in einer Sequenz, die den Erzählstrang verlässt und wie ein Fremdkörper wirkt, mit einer Tierschützergruppe, die vor einem Schweinemastbetrieb gegen die dort vermutete Tierquälerei protestiert. Es sind die schwächsten Momente dieser Doku, weil die sonst mitschwingende Selbstironie fehlt.

Weil Bachlers Hof zwangsversteigert werden sollte, inszenierte Klenk ein Crowdfunding auf Facebook. Aber das ist nicht der Grund, warum die beiden Freunde wurden. Bachler behandelt alle mit Respekt (auch seine Tiere). Als „der Bobo“ (absichtlich provokant) mit Rollkoffer und weißen Sneakern auf dem Bauernhof aufkreuzt und ihn siezt, kontert Bachler: „Per Sie sind wir hier nur mit Arschlöchern.“ Mit Klenk ist er gleich per Du. Und erntet dessen Respekt.