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La Nouvelle Vague und die alten Zeitwächter

Heute fährt kein Lift mehr.APA/BARBARA GINDL
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Die Pünktlichkeitslager driften immer weiter auseinander. Während sich die einen auf gar nichts mehr festlegen, rügen einen die anderen bereits, bevor man einen Termin vergessen hat.

Die Welt rückt immer näher, das merkt man auch am Saharastaub, den es früher nicht gegeben hat, oder hatte er einen anderen Namen? Wenn man nicht mehr aus dem Fenster schauen kann, also schauen schon, aber nicht viel erkennen kann draußen, dann liegt es heute nicht am fehlenden Osterputz, sondern an der Wüste. Mit dem Fensterputzen ist es wie mit dem Entfernen saisonaler Dekoration, wenn man lang wartet, ist der richtige Zeitpunkt auch schon wieder vorbei.

 

Einen Zeitpunkt als richtig zu bezeichnen, ist ein Relikt von früher, das junge Menschen im Gegensatz zur Mode nicht aus der Mottenkiste geholt haben. Pünktlichkeitsappelle älterer Mitmenschen prallen an „gleich“ und „später“ ab. Noch schwieriger ist die Festlegung auf Termine in fernerer Zukunft. Auf „Kommst du morgen?“ folgt ein „Schaut gut aus“ oder „Schaut schlecht aus“.

Umso rigider reagieren Berufsgruppen, die von der Einhaltung von Terminen abhängen (etwa Ordinationen), auf die neue Vagheit. Da wird man erstens aufgefordert, schon 15 Minuten vor dem Termin zu erscheinen. Es folgen Bestätigungen per SMS und E-Mail (und Zettel) und Tage vor dem großen Ereignis ein Stakkato an „Remindern“. Unlängst auch noch zusätzlich per Telefon. „Sie haben morgen um zwölf Uhr einen Termin bei uns“, schnauzt mich eine resche Stimme an. „Kommen Sie?“ Etwas eingeschüchtert bejahe ich die Frage und werde mit einem „Das ist, um sicherzugehen, dass Sie nicht vergessen“ belohnt. So fühlt man sich auch ohne Sünde schuldig.

Der größte aller Zeitwächter wurde allerdings in St. Anton am Arlberg entdeckt. Hier zählte der Liftwart eines wichtigen Verbindungslifts vor dem Zugang laut die Sekunden bis zum Betriebsschluss herunter. Den herbeihetzenden jungen Leuten rief er entgegen, sie seien leider zu spät dran, und ließ das Rollo herunter. „Wir haben doch noch eine Minute“, wandte ein Snowboarder ein. „Auf meiner Uhr nicht“, sagte der Liftwart.


[SF9IM]