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Aus der Serie „Masken“, Kooperation des Cartoonisten Saul Steinberg mit Inge Morath.
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Heimat

Sie finden mich putzig, weil ich aus Wien komme

Wer bin ich mit 25? Mit 45 oder 65? Wie verschieben sich Ziele, Sehnsüchte, Perspektiven? Bleiben wir im Kern dieselbe Person, egal, ob wir in Wien leben, in Berlin oder wie ich jetzt in Tel Aviv? Und bereuen wir am Ende wirklich nur die Dinge, die wir nicht ausprobiert haben?

Den Ankünften nicht glauben wahr sind die Abschiede.

Ilse Aichinger


Sich in der Fremde neu erfinden ist so ein Spruch, so eine Lüge. Und doch verändert einen jeder Ort, jede Begegnung und damit auch das eigene Schreiben und Lesen der Welt. In dem Viertel in Tel Aviv-Jaffa, in dem ich jetzt lebe, gibt es ein kleines Café, das zugleich eine Buchhandlung ist. Die überschaubare Karte ist wie auch die Auswahl der Bücher: hebräisch, arabisch und englisch. Die neue Sprache und ihre ungewohnten Zeichen, die ich langsam lerne, laufen von rechts nach links, gegen meine gewohnte Leserichtung. Das neue Umfeld, mein Alltag, die Menschen, denen ich begegne, alles funktioniert gegenläufig zu meinen Gewohnheiten und Erwartungen, dabei dachte ich, dass ich kaum welche habe. Es beginnt schon hier, an meinem Ausgangspunkt: Das Kaffeehaussitzen an sich habe ich mir in Wien angewöhnt. Also halte ich mich auch in der Fremde an der Gewohnheit fest, drehe die Tasse mit dem schwarzen Kaffee in meiner Hand im Uhrzeigersinn, um mich rauscht die Stadt, ihr wechselnder Rhythmus von Hektik und Trägheit. Ich denke an mein Stammcafé in Berlin-Kreuzberg, mit Blick auf einen Friedhof, wo es noch nach Winter riecht.

Hier riecht der Winter anders, und doch ist er zu spüren. Es gibt die Bücher im Café, sie könnten ein Teil des Verstehens sein. Hier wie dort gibt es das Nachdenken, das Notieren, das Bildermachen, das WLAN-Signal-Suchen. Im Hebräischen stolpere ich in den Sätzen, die ich bilden will, immer wieder über die Nichtexistenz des Verbs SEIN in der Gegenwartsform. SEIN gibt es im Hebräischen nur in der Zukunft und in der Vergangenheit. Jedes Mal stocke ich und vermisse das nicht existierende SEIN, bevor ich den Satz zu Ende denken kann. Dabei ist es ein kluges System – das SEIN in der Gegenwart macht keinen Sinn, da es die Gegenwart eigentlich gar nicht gibt.

Seit dem ersten Tag in der Übergangsunterkunft sage ich: Ich gehe nach Hause. Das war immer schon so. Mein Zuhause ist immer dort, wo ich gerade bin, auch wenn die Ankunft nicht weit zurückliegt und ich mich zwei Ecken von meinem Ausgangspunkt entfernt schon wieder in den unbekannten Straßen verlieren könnte. Ein Hotelzimmer, das Sofa in der Wohnung einer Freundin, eine Stipendiatinnenunterkunft, eine Ferienwohnung. All das nenne ich Zuhause. Sogar, wenn auch nur in Gedanken, meine Social Media Bubble.

Haben wir alle das gleiche Privileg, selbst zu entscheiden, wer wir sein wollen? Wer sind wir in unseren analogen und digitalen Selbstdarstellungen, was sagen diese Inszenierungen über uns aus? Wie beeinflusst der Blick, die Einordnung von außen, den Blick auf uns? Können wir Verbindungslinien ziehen zu den analogen Räumen und Orten, in denen wir uns einrichten?