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Expedition Europa: Das Drama der Rue d'Aubagne

Marseille: Ende 2018 waren zwei Häuser in der Rue d'Aubagne eingestürzt.
Marseille: Ende 2018 waren zwei Häuser in der Rue d'Aubagne eingestürzt.APA/AFP/Gerard Julien
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13 Prozent des Marseiller Wohnraums gelten als unbewohnbar. Mehrere Vermieter sind bereits zu Haftstrafen verurteilt worden.

Kurz vor Covid buchte ich im Zentrum von Marseille eine auffällig billige Unterkunft. Schon die enge Stiege war bemerkenswert bucklig, und die geräumige Garçonnière selbst war so krumm, dass der besoffene Gang ins Badezimmer nicht angeraten erschien. Draußen tausendfach fein geborstene Fensterläden, Geschäfte und Friseursalons von Afrikanerinnen und Maghrebinern, der Geruch von Gewürzen des Orients – ich fand die Rue d'Aubagne höchst pittoresk. Als mich der berühmte Besetzer einer berühmten Marseiller McDonald's-Filiale nach unserem Interview in meine Unterkunft fuhr, fragte er stirnrunzelnd, warum ich ausgerechnet am Schauplatz dieses Dramas abgestiegen war. Ich verstand nicht, was er meinte.

Ich fand heraus: Ende 2018 waren zwei Häuser in der Aubagne eingestürzt. Die Nr. 63 war unbewohnt, in der Aubagne Nr. 65 wurden acht Menschen verschüttet. Es kam auf, dass 13 Prozent des Marseiller Wohnraums als unbewohnbar galten – und zahlreiche Politiker der bürgerlichen Republikaner, die in 25 Jahren Stadtregierung nichts gegen die Gefahr unternommen hatten, verdienten an der Vermietung genau dieser desolaten Wohnungen.

Ich sah mir die Brache an. Sie war sauber ausgeputzt und ausbetoniert, alles in derselben Farbe: Wüstenbeige. In der Mitte stand ein schwarzer Bürostuhl mit einer hohen Lehne. Er wirkte wie ein Mahnmal. Alle Passanten, die sich hinter den Metallabsperrungen vorbeidrängelten, schauten zur Einsturzstelle hin. Am Tag kifften vor einem Nachbarhaus Halbwüchsige, in der Nacht wurde vor dem gegenüberliegenden Nightshop getrunken. „Alle Araber rausschmeißen“, grummelte ein Senegalese mit Gitarre. Er hatte unterschätzt, wie viele der Umstehenden sich als Araber verstanden.