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Gastkommentar

Raus aus der ungesunden Start-up-Sackgasse

(c) Peter Kufner
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Warum uns Start-ups meist schuldig bleiben, was sie uns versprechen, und wir Hype und Hysterie hinter uns lassen sollten.

Das Jahr 2021 war für einige Wirtschaftssparten katastrophal, für andere irgendetwas zwischen „nicht so schlimm“ und „gut“, für einige sogar sensationell, und zwar für Start-ups, respektive Unicorns. In diesem Jahr ist die Anzahl der Unicorns (Start-ups mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde US-Dollar) global auf 959 gestiegen (2020 waren es noch 569). Endlich ist Österreich auch dabei mit Bitpanda und GoStudent, die es auf eine Bewertung von 4,1 Milliarden Euro und 3,3 Milliarden Euro gebracht haben. Und das von Österreichern in München gegründete N26 ist mit neun Milliarden US-Dollar bewertet worden.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

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Start-ups gelten als Innovationsmotoren, Jobgeneratoren, Disruptionskraftwerke, als Karriereschmieden und als cool. Die Gründer sind jung, dynamisch, charismatisch, zielstrebig, smart, visionär und cool. Die Businessmodelle sind disruptiv, modern, transparent, demokratisch, neu und cool. Sie erkennen das Muster. Es lenkt davon ab, was sie sogar in den erfolgreichsten Fällen eigentlich sind: die Übersetzung alter Ideen in neue Apps, eine Disruption basierend auf den Geschäftsideen anderer, die opportunistischen Produkte der Investmentbranche sowie die Zelebrierung der Gründer auf Basis ihrer Investitionsrunden. Aber eins nach dem anderen.

 

Das Uber der Finanzbranche

Beginnen wir mit den alten Ideen. N26 ist das Uber der Finanzbranche, weil es Banking nicht ersetzt, nicht neu denkt, sondern mit anderen Zugängen und Ressourcen das weiter auf dem Markt bestehende Produkt zusätzlich anbietet.GoStudent kramt auch in der Vergangenheit und bietet ein Produkt der 1960er-Jahre an: das Vermitteln von Nachhilfestunden. Anders hingegen ist Bitpanda, das eine eigene Technologie entwickelt hat, mit der sich Aktienhandel auf Ein-Euro-Beträge herunterbrechen lässt. Das ist vergleichsweise neu.

Eines haben alle drei gemeinsam: die Monetarisierung ungenutzten Potenzials. Ist es bei Bitpanda die eigene Technologie, so ist es bei GoStudent und N26 nur die Zeit, oder besser gesagt der Zeitvorsprung gegenüber dem Mitbewerb.

Daher ist der Punkt mit der Disruption von Geschäftsideen anderer auch so wichtig: Das geistige Eigentum liegt nicht bei einem selbst, die Idee ist nicht schützbar.

 

Grow Or Die

Meine These: GoStudent ist der Wegbereiter für massiven generischen Wettbewerb in einem einfach zu kopierenden Niedrig-Margen-Geschäft, siehe Essenslieferdienste, und zeigt, wie die Player dort zu blitzartigem Wachstum verdonnert werden. Grow or die. Ohne echte Aussicht auf echte Profite. Wie die Essenslieferdienste kämpft GoStudent schon jetzt mit Vorwürfen von unfairer Entlohnung der Tutoren, fragwürdigen Anstellungsprozessen oder schlechten Bewertungen. Well.

Aber was meine ich damit, wenn ich sage, Start-ups sind die opportunistischen Produkte der Investmentbranche? Zum Vergleich: Börsenotierte Unternehmen erreichen eine Bewertung, die in der Regel dem Zwölffachen ihres Umsatzes entspricht, auf Basis von Zahlen und Leistungen, die geprüft sind. Start-ups hingegen erreichen oftmals eine Bewertung des 20- bis 100-Fachen ihres Umsatzes ohne vergleichbar strenge Überprüfung.

 

Innovation? Egal!

Diese Entkopplung der Leistung von der Bewertung ist inzwischen zu oft ein wesentlicher Faktor für die Gründung und Finanzierung von Start-ups als Investitionsvehikel. Flink, der in der Pandemie gegründete Essenslieferant, gleicht seinem Konkurrenten und Vorbild Gorillas bis auf die App, hat aber binnen zwölf Monaten eine Milliardenbewertung erreicht. Innovation? Egal. Nachhaltigkeit? Egal. Gerechte Entlohnung für Botenfahrer? Egal. Die Chance für Investoren, die noch auf den Essenszustellzug aufspringen wollen? Real. Die Chance für Gründer und frühe Investoren, reich zu werden? Real.

Zur Skurrilität der Überbewertung kommt noch hinzu, dass Investitionsgeld noch nie zuvor so billig und verfügbar war, um dafür auch bezahlen zu können. 2021 sind 621 Milliarden Dollar in Start-ups investiert worden, das ist ein 111-Prozent-Anstieg nur seit 2020. Und das bei bis vor Kurzem sehr niedrigen Leitzinsen vor allem in den USA. Investoren sitzen auf einem Haufen Geld und der ebenso großen Angst, das nächste große Ding zu verpassen.

Und davor habe ich tatsächlich am allermeisten Respekt: vor der Fähigkeit, aus diesen Zutaten plus einer eigenen Idee – die genau wegen der speziellen Eigenschaften dieser Zutaten gar nicht so innovativ sein muss – eine Story zu entwickeln, die ein nächstes großes Ding verspricht und auch nur wegen dieser Gemengelage finanziert wird. Es. Ist. Absurd. Das „Wo woa mei Leistung“ ortet Scott Galloway, Professor für Marketing an der New York University, im sogenannten Story and Opportunity Capitalism, also dem auf Geschichten und Möglichkeiten basierenden Kapitalismus. Klingt nach dünner Suppe und nicht vereinbar mit unseren „woken“ Gesellschaftswerten? Es wird nicht besser.

Vielen dieser Gründer?innen geht es zu oft nicht um Innovation, Fortschritt, Gerechtigkeit oder einen Beitrag zur Gesellschaft oder Umwelt, sondern ums Business (Geld) und um Skalierung (Einfluss). Sie täuschen oft mit einer simplen Schablone: „Wir demokratisieren <hier ein beliebiges geschlossenes, fragmentiertes oder proprietäres Wirtschaftssystem einsetzen, z. B. Banking, Aktienhandel, Nachhilfestunden, Schuhhandel, Taxis, Essenslieferungen> und ermöglichen <hier beliebige Teilnehmer des Wirtschaftssystems einsetzen, z. B. Privatkunden, Investoren, Schülern, Lenkern>, ihr gesamtes Potenzial abzurufen, und das alles über unsere intuitive <hier Name des Start-ups einsetzen> App, hinter der wir alle <hier nötige Prozesse des Wirtschaftssystems einsetzen> transparent und direkt abwickeln für maximalen Erfolg aller Teilnehmer.“ Egal welches Start-up Sie hier einsetzen, es ist leider so simpel.

 

Wir brauchen alle Helden!

Und warum zelebrieren wir Gründer auf Basis der von ihnen erzielten Investitionsrunden und nicht auf Basis der erzielten Innovationsschübe? Zuallererst: Wir alle brauchen Helden. Heimische Medien und Formate, die sich ausschließlich der Start-up-Szene widmen, haben dabei mitgeholfen, Pop-Star(t)-ups zu erschaffen, deren maßgeblicher – und oftmals einzig zählbarer – Erfolg bis dato das Einsammeln von Investitionsgeld oder ein hoch dotierter Exit ist. Das ist wie den besten Wein nach seinem Preis zu prämieren, ohne dass uns klar ist, dass wir damit nicht den Wein, sondern nur die Geschäftstüchtigkeit des Winzers prämieren. Der sich als reicher Mann freut, dass niemand den Wein auch gekostet hat. Das ist falsch, aber gelebte Realität.

Wir müssen aus dieser ungesunden Start-up-Sackgasse wieder heraus und alles tun, damit die nächsten Tausend Unicorns fair und ohne Hysterie bewertet werden auf Basis echter Problemlösungen im Bereich Green-, Climate- oder Social-Tech. Das brauchen wir tatsächlich alle zum Leben und überleben, und dafür sollten wir Gründer zu Recht feiern.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR

Stefan Häckel (*1976), Studium der Medientechnik und des Mediendesigns. Bis 2004 als Freelancer für unterschiedliche Agenturen tätig. 2007 launchte er mit Niko Alm Vice Media in Österreich, deren CEO er u. a. war. Seit April 2022 ist Eigentümer und Geschäftsführer des österreichischen Virtue-Geschäfts. Virtue ist die Kreativagentur von Vice.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2022)