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Interview

Historiker Serhii Plokhy: „Russland muss ohne Imperium leben"

Clemens Fabry
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Der Historiker Serhii Plokhy erklärt im Gespräch, warum Putin auf die Vernichtung der ukrainischen Nation zielt, woher die Ukrainer ihre Unerschrockenheit haben und weshalb die großrussische Idee seiner Ansicht nach zum Scheitern verurteilt ist.

Seit Kriegsbeginn wird debattiert, warum Putin den Krieg begonnen hat. Die einen sagen, es gehe dem Kreml vorrangig um Geopolitik und Sicherheit. Die anderen sehen Putins Angriff ideologisch motiviert. Was denken Sie?

Serhii Plokhy: Es gibt keine monokausalen Ereignisse in der Geschichte, zumal bei einem Event von solcher Größe wie dem heutigen Krieg. Geopolitik, post-imperiales Nation Building und Ideologie treffen hier zusammen.

Inwiefern?

Russland ist nicht bereit zur Aufgabe seiner früheren Gebiete. Ich glaube nicht, dass Putin die Sowjetunion in ihrer alten Form wiedererschaffen will. Aber er will diesen Raum in neuer Form kontrollieren – als Einflusssphäre. Dabei muss Russland nach Jahrhunderten nun erstmals lernen, allein, ohne das Imperium, zu leben. Wo Russland beginnt und endet, ist eine offene Frage. Putin hat sich einer veralteten imperialen Idee aus dem 19. Jahrhundert verschrieben, derzufolge eine große russische Nation existiert, die Russen, Ukrainer und Belarussen inkludiert.
Er wiederholt ja immer wieder, dass Russen und Ukrainer ein Volk seien. Es ist also Geopolitik im Spiel bzw. Versuche, eine Einflusssphäre abzusichern, einerseits und veraltetes imperiales Denken über die russische Identität andererseits. Das erklärt die Gründe für den Krieg ebenso wie die Erwartungen: Man dachte, dass die Ukrainer die Russen mit Blumen begrüßen würden. Dabei überraschten sie die Russen – und die Welt – mit ihrem Widerstand.