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Wort der Woche

Prähistorische Frauenstatuetten

Prähistorische Frauenstatuetten faszinieren die Menschen seit jeher. Ihre Bedeutung bleibt allerdings im Dunkel – und daran ändert auch ein innovatives Forschungsprojekt nichts.

Der Gedanke ist alt und tröstlich: „Mutter Erde“, oft personifiziert als Gaia oder „Große Göttin“, trägt und beschützt uns. Angesichts der aktuellen ökologischen Bedrohungen tritt diese Denkweise heute nicht nur in religiösem oder esoterischem, sondern auch in wissenschaftlichem Gewand auf, etwa bei Bruno Latour. Als bildliche Darstellungen dieses weiblichen Prinzips werden häufig jene steinzeitlichen Frauenstatuetten angesehen, die den irreführenden Namen „Venus“ verpasst bekamen. Diese werden häufig auch als Hinweis auf frühere matriarchale Gesellschaftsstrukturen gedeutet.

Solche Überzeugungen sind aufgrund neuer Erkenntnisse ins Wanken geraten. Doch an Faszination haben sie nichts eingebüßt. Bestes Beispiel dafür ist „,The Dissident Goddesses‘ Project“, ein interdisziplinäres künstlerisches Forschungsprojekt, das Elisabeth von Samsonow (Akademie der bildenden Künste Wien) initiiert hat: Ein Künstlerinnenkollektiv kaufte im Pulkautal vier Hektar Grund und veranstaltet dort seither Aktionen und Diskussionen, in denen die prähistorischen Frauenfiguren (insbesondere die drei in Niederösterreich gefundenen: Fanny vom Galgenberg, Venus von Willendorf, Idol von Falkenstein) aus feministischer Sicht thematisiert werden. Einige Ergebnisse sind noch bis 1. Mai in der Landesgalerie NÖ in Krems unter dem Titel „Die Erde lesen“ zu sehen.

Über die Ausstellung selbst kann man streiten – Kunst-Erleben ist zutiefst subjektiv. Ein großer Wurf ist jedenfalls der nun kurz vor Ausstellungsende erschienene Katalog (Verlag für moderne Kunst, 360 S., 29 €): Hochkarätige Künstler- und Wissenschaftlerinnen (plus zwei männliche Autoren) breiten darin fundiert unterschiedlichste Sichtweisen auf das Thema aus – künstlerische und spekulative genauso wie philosophische und wissenschaftliche.

Die Zusammenschau dieser vielen Perspektiven verwirrt und begeistert zugleich. Eines wird dabei sehr deutlich: Die Vielzahl und Vielfalt der bisher ausgegrabenen Frauenstatuetten lassen sich in kein enges Schema pressen, in keine einfache Deutung zwängen. Kaum eine der möglichen Interpretationen – z. B. als Muttergöttinnen, Fruchtbarkeitssymbole, Kunstwerke, schamanistische Seherinnen, Talismane, Spielzeuge, Ahnen, Opfergaben usw. – scheint völlig aus der Luft gegriffen. Außer vielleicht: Sexsymbole waren sie wohl keine. Aber, und das wird in praktisch allen Beiträgen betont: Beweisen lässt sich davon derzeit nichts. Was weiterer Forschung Auftrieb verleihen sollte.


Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

meinung@diepresse.com

www.diepresse.com/wortderwoche

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.04.2022)