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Quergeschrieben

Atomkraft - die nachhaltige Brücke zum Klimaziel?

Unsere Nachkommen wird die EU-Atompolitik nicht freuen. Der in Meeren versenkte und tiefengeologisch verbuddelte Nuklearmüll behält seine Strahlkraft Millionen Jahre.

Vor genau 36 Jahren, am 26. April 1986, brannte der Himmel über Tschernobyl. Um 1.24 Uhr nachts war der Reaktordruckbehälter im Block vier explodiert. Das Sowjetregime hielt Informationen zurück. Es dauerte, bis der radioaktiven Wolke, die längst nach Nord- und Mitteleuropa weitergezogen war, endlich Warnungen folgten. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, auf Pilzesammeln und Freiluftaktivitäten tunlichst zu verzichten. Nur wenige hielten sich an die Warnungen. Schließlich war Tschernobyl weit weg, die Wolke unsichtbar, und aus dem verseuchten Erdreich schossen die Pilze in diesem Sommer besonders reichlich. Noch im vorigen Sommer, also 35 Jahre nach dem Unfall, war erst die Hälfte des radioaktiven Materials aus den Waldböden abgebaut. Aufgrund der damals herrschenden Wind- und Wetterverhältnisse war Österreich laut Global 2000 nach dem ukrainisch-belarussischen Grenzgebiet weltweit am zweitstärksten von der hohen Cäsiumbelastung betroffen– mit gravierenden Spätfolgen: Vermutlich seien bis zu 40 Prozent der erhöhten Schilddrüsenkrebsfälle nach 1990 auf das Reaktorunglück zurückzuführen, ebenso das gehäuftere Auftreten von Leukämie, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Brustkrebs.

Mehr als zwei Millionen Menschen leben in der Ukraine und in Belarus auf verstrahltem Territorium. Jahrelang bereiste die 1948 als Tochter einer Ukrainerin und eines Belarussen geborene Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch das Gebiet und befragte Zeit- und Augenzeugen. Die Erinnerungen der Überlebenden, der Zwangsevakuierten, der illegalen Rückkehrer, der Witwen, Soldaten und Bauern verdichtete Alexijewitsch zur beklemmenden Dokumentarprosa „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“. Eine der Interviewpartnerinnen war Ljudmila Ignatenko, die zum Zeitpunkt des Reaktorunfalls im sechsten Monat schwanger war: „Die Explosion habe ich nicht gesehen, nur die Flamme. Alles leuchtete . . . Eine hohe Flamme. Ruß. Schreckliche Hitze.“ Ihr Mann, Wassili, ein Feuerwehrmann, starb infolge des Rettungseinsatzes: „Teile der Lunge und der Leber kamen ihm aus dem Mund heraus . . . Er erstickte fast an den eigenen Innereien.“ Ljudmilas Kind, ein Mädchen, starb gleich nach der Geburt.