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Kavlak: "In der Türkei geht Stolz über alles"

Veli Kavlak
Veli Kavlak(c) GEPA pictures (Gepa Pictures/ Christian Walgram)
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ÖFB-Nationalspieler Veli Kavlak spricht im DiePresse.com-Interview über Fehler mancher türkischer Eltern, seine Liebe zu Österreich und "Fanatismus" im Fußball-Stadion.

DiePresse.com: Sie setzen sich über das "projektXchange" für ein besseres Zusammenleben zwischen Österreichern mit und ohne Migrationshintergrund ein. Was hat Sie dazu bewogen?

Veli Kavlak: Ich wurde von Rapid darauf angesprochen, ob ich mich engagieren will. Ich habe gesagt: Das ist kein Problem, ich mach' das gern. Dann war ich in ein paar Schulen mit sehr, sehr vielen Kindern mit Migrationshintergrund. Sie haben Fragen gestellt, wir haben ein bisschen geplaudert. War alles in Ordnung.

Studien belegen, dass türkisch-stämmige Kinder der zweiten Generation in der Schule nachhinken. Was raten Sie ihnen?


Kavlak: Ich sage ihnen, dass das Erlernen der Sprache ganz wichtig ist. In der Türkei ist es so, dass die Eltern eine ganz große Rolle spielen. Wenn sie die Kinder auf den richtigen Weg lenken, dann ziehen die immer mit. Das ist gang und gäbe. Wenn die Eltern aber keine Bereitschaft dazu zeigen, dann machen es die Kinder auch nicht, glaube ich.

Und diese Bereitschaft türkischer Eltern fehlt in manchen Fällen?


Kavlak: Ich weiß es nicht, aber ich glaube es. Ich hatte das Glück, dass meine Eltern immer gesagt haben: "Schule, Sprache - das muss '1a' sein." Ich hatte gar keine Zeit zum Nachdenken, ich musste das tun. Und wenn ein Kind merkt, der Vater ist dahinter, dann zieht es mit. Das ist ganz klar.

Sie sind in Österreich geboren, sprechen fließend Deutsch, sind Nationalspieler. Fühlen sie sich als Österreicher akzeptiert?


Kavlak: Ja, auf jeden Fall. Meine Eltern kommen aus der Türkei und ich bin nunmal ein Türke (Anm.: Kavlak hat die Doppelstaatsbürgerschaft), aber ich bin hier aufgewachsen und fühle mich als Österreicher. Ich liebe alles hier. Wenn ich in der Türkei auf Urlaub bin, man kann sich gar nicht vorstellen, wie sehr mir Wien nach drei, vier Wochen fehlt. Ich muss dann zurück. Hier ist meine Heimat.

APA/KRUGFOTO



Für Sie war es dann auch immer klar, für das österreichische Nationalteam zu spielen?

Kavlak: Es gab viele Gespräche, der türkische Verband wollte mich überzeugen, für die Türkei zu spielen - oft sogar. Aber für mich war das nie ein Thema. Ich habe mit meinen Freunden hier viel erreicht, war EM-Dritter mit der U-19 und mit der U-20 WM-Vierter in Kanada.

Wie hat Ihr Umfeld Ihre Entscheidung aufgenommen, für das österreichische Nationalteam zu spielen? Gab es auch Kritik?

Kavlak: Natürlich gibt es immer andere Ansichten - wichtig ist aber, was ich denke. Und meine Eltern haben auch immer gesagt: "Spiel' für Österreich."

Eine Umfrage hat ergeben, dass 70 Prozent der türkischen Migranten sich nicht Österreich, sondern dem Heimatland ihrer Eltern zugehörig fühlen. Wenn im September 2011 das ÖFB-Team in der EM-Quali auf die Türkei trifft, wird wieder das halbe Stadion zur Türkei halten. Warum fällt e
s auch hier geborenen, türkisch-stämmigen Bürgern schwer, sich als Österreicher zu fühlen?

Kavlak: Ich glaube, dass der Stolz eine große Rolle spielt. Wenn die Türkei spielt, dann sind die Menschen verrückt nach Fußball und der Nation. Das ist schon Fanatismus. Ich glaube, das kann man nicht ändern. Das ist so.

Fanatismus ist jetzt nicht unbedingt etwas Gutes.

Kavlak: Sagen wir verrückt. Als wir im Herbst gegen Besiktas Istanbul (Anm.: in der Euro League) gespielt haben, war der Sektor voll, ich habe dauernd Anrufe wegen Tickets bekommen. ich weiß nicht, wie man das nennen soll. Stolz geht in der Türkei aber über alles.

Bleiben wir im Fußball-Stadion. Auf den Rängen sind Menschen aus allen Schichten und mit allen möglichen Einstellungen vertreten. Ist es nicht ein komisches Gefühl, dass ihnen damit auch zwangsläufig Menschen zujubeln, die am Stammtisch gegen "die Türken" poltern?

Kavlak: Ab und zu geht mir das durch den Kopf. Aber dann denke ich mir, dass es blöd ist, darüber nachzudenken. Wir freuen uns, wenn die Leute ins Stadion kommen. Der Sport steht im Vordergrund, das hat mit Ausländer, Politik nichts zu tun.

Der Regisseur Hüseyin Tabak hat FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache im DiePresse.com-Interview vorgeworfen, Schuld an Problemen im Zusammenleben zwischen Österreichern mit und ohne Migrationshintergrund zu sein, weil Strache die Menschen gegeneinander aufhetze. Trifft dieser Vorwurf zu?


Kavlak: Das weiß ich nicht. Ich glaube, ich habe Strache ein paar Mal im Stadion gesehen, ich glaube er ist Fußballfan. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Zu ihrer persönlichen Zukunft: Ihr Vertrag läuft Ende 2011 aus. Wenn Rapid mit ihnen noch gutes Geld verdienen möchte, muss Sie der Verein wohl noch diesen Winter verkaufen.

Kavlak: Das ist Sache des Vereins.

Aber Sie schließen einen Wechsel noch diesen Winter nicht aus?

Kavlak: Nein, ich hab immer wieder gesagt, dass ich mich auf Rapid konzentriere und dass ich aber den Vertrag nicht verlängere. Das ist keine Frage des Geldes und auch keine Entscheidung gegen Rapid, ich fühle mich einfach bereit für den nächsten Schritt. Wenn etwas Lukratives kommt, wo ich das Gefühl habe, das will ich machen, dann könnte ich es mir vorstellen (Anm.: diesen Winter zu wechseln).

Liegen lukrative Angebote vor?

Kavlak: Derzeit gibt es wirklich keine Angebote, die mich reizen würden.

Ihre Ex-Rapid-Kollegen Hoffer, Korkmaz und Maierhofer sind schlussendlich alle in deutschen Ligen gelandet.

Kavlak: Deutschland und Italien sind meine zwei Traumligen, später vielleicht einmal die Türkei - Italien das Land und Deutschland auch mit dem Fußball und alles. Es würde mich sehr interessieren, einmal zwei andere Kulturen kennenzulernen.

ZUR PERSON

Veli Kavlak ist ein österreichischer Fußball-Nationalspieler mit türkischen Wurzeln. Der 22-Jährige zählt trotz seines jungen Alters schon zu den erfahrenen Bundesliga-Spielern, bereits mit 16 Jahren gab Kavlak sein Debüt für die Kampfmannschaft des österreichischen Rekordmeisters Rapid. Zu den größten Erfolgen des gebürtigen Wieners zählen der zweimalige Gewinn der Meisterschaft mit Rapid (2005, 2008), sowie der vierte WM-Platz mit der österreichischen U-20-Nationalmannschaft. Kavlak plant eine Auslands-Karriere, seinen Ende 2011 auslaufenden Vertrag mit Rapid wird der Mittelfeldspieler daher nicht verlängern.

(jst)