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Quergeschrieben

Bildungsfeindlich und weltfremd: Gegen Geo und Gedichte

Die Neos wettern auf Instagram gegen die letzten Reste des klassischen Bildungskanons. Das bringt billige Likes, weil die Mehrheit Lyrik belächelt.

Zum Autor:

Thomas Weber ist Gründer und Herausgeber von „Biorama“ (Magazin für nachhaltigen Lebensstil) und Buchautor (zuletzt: „100 Punkte Tag für Tag“). Er verantwortet die im
Residenz-Verlag erscheinende Buchreihe „Leben auf Sicht“ und lebt im Marchfeld vor Wien. Er schreibt in der Rubrik „Quergeschrieben“ ab sofort* im 14-Tage-Rhythmus mit der Journalistin und Autorin Anna Goldenberg.

Der Vorwurf ist unmissverständlich: „Ich habe gelernt, wie man auf drei Sprachen eine Gedichtinterpretation schreibt, aber nicht, wie man einen Mietvertrag liest.“ Folgende Frage werden wenige verneinen: „Hast du alle Gebirgsketten auswendig lernen müssen, weißt aber nicht, wie man eine Steuererklärung macht?“ Beides gefunden auf dem Instagram-Account der Neos; jener Partei, die sich als „Bildungspartei“ sieht. Und stimmt natürlich, solch praktische Fertigkeiten haben noch niemandem geschadet. Deshalb plädieren die Neos ja richtigerweise für mehr Wirtschafts- und Finanzwissen. Jeder und jede von uns könnte schließlich in der Schule Gelerntes aus dem Gedächtnis graben, das er oder sie hernach nie mehr gebraucht hat.

Mit ihren vorwurfsvollen Fragen und forschen Feststellungen appellieren die Neos allerdings nicht nur billig an einen niedrigen „Ja, genau!“-Reflex. Sie offenbaren auch einen völlig vernutzten, technokratischen Bildungsbegriff und eine banausenhafte Kulturlosigkeit. „Gegen Geo und Gedichte!“, das geht locker – und klingt wie der Schlachtruf von Pubertierenden, die vor Gleichaltrigen gut dastehen wollen. Leichter ließe sich nur noch über Latein lästern. Dabei ist der Vorwurf selbst deutlich weltfremder als das derart erachtete Bildungssystem. An welcher Schule werden schon wirklich in drei Sprachen schriftlich Gedichte analysiert? Und selbst wenn dem wirklich so wäre: Wären derart geschulte junge Erwachsene nicht bestens darauf vorbereitet, auch einen Mietvertrag intellektuell zu bewältigen?