Filmschau

Bernhard Sallmann: Wer trägt das Leid in die Landschaft?

"Die Freiheit der Bäume" von Bernhard Sallmann.
"Die Freiheit der Bäume" von Bernhard Sallmann.(c) Bernhard Sallmann
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Das Wiener Metro Kino würdigt von 30. 4. bis 11. 5. das Schaffen des Oberösterreichers, der mit der Kamera landschaftliche Randgebiete erkundet.

In der Zeit des Krieges wurden, erzählt eine Off-Stimme, „KZ-ler“ von Nazisoldaten den Weg zum Hof hochgescheucht. Manche der Gefangenen kamen nicht oben an: Die, die das Tempo nicht halten konnten, wurden erschossen. „Es sah auf dieser Straße schrecklich aus.“

In der Gegenwart, in der Bernhard Sallmann besagten Weg zum Hof filmt, sieht man vom Schrecken nichts. Der Pfad führt durch Weizenfelder, illuminiert vom Licht- und Schattenspiel der Wolken. Ansonsten liegt die Landschaft friedlich da. Eine Differenz, die Sallmanns Schaffen antreibt: Einerseits trennt uns ein unüberbrückbarer Graben von der Vergangenheit, im Bild selbst hat sie keine Spuren hinterlassen. Zugleich wandelt sich der Blick auf den Weg in dem Moment, in dem wir von den ermordeten Zwangsarbeitern erfahren. Wir selbst tragen ihr Leid in das Bauernhofpanorama.

Der Film mit dem Weg heißt „Das schlechte Feld“. Sallmann hat ihn im ländlichen Oberösterreich bei Ansfelden gedreht, wo er geboren und aufgewachsen ist. Der Großteil seiner Filme ist mit einer ganz anderen Gegend verbunden: Seit 1988 wohnt der Regisseur in Berlin. Erste Arbeiten entstehen dort ab den späten 1990er-Jahren.

Die vielleicht schönste des Frühwerks dreht Sallmann auf den Straßen vor seiner Haustür: „Berlin-Neukölln“ ist das Porträt eines Stadtteils, der einst als „sozialer Brennpunkt“ Schlagzeilen machte. In einer tollen Szene steht ein Bub in einem Neuköllner Park, der nach dem Philosophen und Pädagogen Comenius benannt ist. Und liest konzentriert einen mehrere Jahrhunderte alten Text von ebendiesem Comenius vor, während seine Kumpels daneben herumalbern. Wieder und wieder begegnen sich bei Sallmann aufmerksame Blicke auf die gegenwärtige Welt und Texte, die aus einer anderen Zeit zu uns sprechen. Das Resultat ist dokumentarisches Kino von bestechender Klarheit, das strenge gestalterische Schönheit mit intellektueller Abenteuerlust verbindet.

Spaziergänge auf den Spuren Fontanes

Sallmanns Hauptinteresse gilt seiner Wahlheimat. Dabei zieht es ihn nicht in trendige Innenstadtbezirke, schon gar nicht zum touristischen Postkartenberlin. Lieber erkundet er das Umland. Ein umfangreicher Streifzug verfolgt vier Filme lang eine literarische Spur aus dem 19. Jahrhundert: Theodor Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Ein Reisebericht, in dem Naturbeschreibungen, ethnografische Studien und historische Anekdoten locker koexistieren. Es ginge ihm darum, so Fontane im Vorwort, auf die Welt zu blicken: „nicht wie einer, der mit der Sichel zur Ernte geht, sondern wie ein Spaziergänger, der einzelne Ähren aus dem reichen Felde zieht“.

Sallmanns Fontanefilme – „Oderland“, „Rhinland“, „Spreeland“, „Havelland“ – pflegen diesen flanierenden Blick, indem sie jenseits von Berliner Stadtgrenzen Ansichten eines vielfältigen Natur- und Kulturraums ausfindig machen, dessen archaische Anmutung mit Fontane korrespondiert. Dabei ist es gerade ihre Distanz zu den Erzählungen über ausgestorbene Tierarten, Exzentriker und Außenseiter, die uns neu sehen lehren. Auf die Mark Brandenburg – und vielleicht auch die Felder, Wiesen und Städte in unserer eigenen Nachbarschaft.

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