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Wiederansiedlung

Die Vögel auf den richtigen Weg bringen

Derzeit fliegen die Waldrappe aus der Toskana in ihre Brutgebiete nördlich der Alpen. Diese Route haben sie als Jungvögel gelernt. Kleine Datenlogger zeigen, wie sich die Tiere anordnen, um im Flug Energie zu sparen.

Route neu berechnen. Wir kennen alle die Wartezeit, wenn ein Navi uns durch unbekannte Gegend leitet. Doch wie funktioniert das bei Zugvögeln, die quer durch die Welt fliegen – ganz ohne Technik? Die Frage beschäftigt seit 20 Jahren das europaweite Waldrapp-Projekt, das sich der Tiroler Johannes Fritz mit einem Team der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle Grünau in Oberösterreich in den Kopf gesetzt hat, um die außergewöhnlichen Vögel wieder in Europa anzusiedeln. Auch der Tiergarten Schönbrunn ist seit Beginn in das Projekt involviert.

Als Salzburger Erzbischöfe im 17. Jahrhundert vom Mönchsberg geschossene Waldrappe verspeisten, rottete die Jagd alle natürlichen Vorkommen der hühnergroßen Flugtiere in Europa aus. In Nordafrika hielt sich eine Population, doch in Europa kannte man die Vögel, deren Schnabel eine Vorlage für die venezianischen Karnevalsmasken war, seit 400 Jahren nur mehr in menschlicher Obhut.

Die Grünauer Zoologen hatten jedes Jahr im Herbst das Problem, dass ihre Waldrappe, die übers Jahr im Almtal frei fliegen, plötzlich in irgendwelche Richtungen loszogen. Bis nach Russland soll manch Verirrter geflogen sein: Denn im Herbst spult der Instinkt die angeborene „Zugunruhe“ ab. Die Vögel wollen in den Süden ziehen wie ihre Vorfahren, doch sie wissen nicht, wohin. „Ein Waldrapp lernt im ersten Jahr die Route vom Brutgebiet ins Überwinterungsgebiet“, sagt Regina Kramer, die seit Jänner das Life-Projekt im Tiergarten Schönbrunn koordiniert.

Küken folgen der gelben Farbe

Das Artenschutzprojekt wird von der EU gefördert und verfolgt die bereits gelungenen Bemühungen weiter, europäische Waldrappe zu lehren, wo ihr Überwinterungsgebiet südlich der Alpen zu finden ist. Die 31 Waldrappe in der großen Voliere im Tiergarten sind zwar nicht Teil des Wiederansiedlungsprojekts. Aber hinter verschlossenen Türen sind jetzt wieder neue Ziehmütter eingezogen, um frisch geschlüpfte Waldrapp-Küken aus dem Tierpark Rosegg (Kärnten) in Wien per Hand aufzuziehen.

Blick- und schalldicht von anderen Menschen und Stimmen abgeschirmt lernen die Küken, ausschließlich ihren Ziehmüttern zu folgen. „Dabei tragen die menschlichen Zieheltern immer gelbe Westen als Signalfarbe. Die Jungvögel werden darauf geprägt, und später im Trainingscamp sollen sie den Menschen auch in die Luft folgen“, erklärt Kramer. Die Idee vor 20 Jahren war nämlich, dass Menschen in Leichtflugzeugen die Navigationsarbeit für die Wildtiere übernehmen: Handaufgezogene Waldrappe folgen ihren Zieheltern über die Alpen. Die Ultraleichtfluggeräte haben gelbe Gleitschirme, die Menschen darin rufen „Waldi, komm!“. So erhebt sich das Gespann in die Lüfte. Von Jahr zu Jahr klappte dieses Unterfangen immer besser: Die Route von Norden nach Süden wird im Herbst von Menschen geleitet, alle handaufgezogenen Tiere tragen kleine GPS-Sender auf dem Rücken. „Die Jungvögel leben einige Jahre im Überwinterungsgebiet, bis sie geschlechtsreif sind. Erst dann zieht es sie zurück ins Brutgebiet“, sagt Kramer. Die erstmals gelernte, circa 1000 km lange Route über die Alpen muss also zwei, drei Jahre im Gedächtnis der Waldrappe gespeichert werden, damit sie pünktlich zurückfinden, wenn der Drang nach Fortpflanzung ruft. „Auch heuer schafften es wieder handaufgezogene Vögel von selbst zurück nach Österreich und Deutschland. Wir beobachten nun, dass die Populationen sich vermischen.“ Manche Tiere aus Rosegg schließen sich der Fluggesellschaft in den Süden an, andere aus Burghausen (D) bleiben bei den Nichtziehern in Grünau hängen.

Die Anstrengung all der Jahre hat sich gelohnt: Die Waldrapp-Population in Europa stabilisiert sich und entwickelt eine eigene Dynamik. „Modellrechnungen aus Berlin zeigen, dass wir mindestens 357 wild lebende Waldrappe brauchen, damit der Bestand selbstständig überlebt“, sagt Kramer. Die aktuellste Zählung weist 199 Waldrappe in der Wildbahn auf. 2021 stammten 56 Jungvögel aus menschlicher Aufzucht, 36 Küken schlüpften selbstständig in den Brutgebieten. „Das ist die dritte Generation, ihre Eltern und Großeltern wurden noch handaufgezogen“, so Kramer.

Solarenergie auf dem Rücken

Der Stolz auf diese Erfolge ist allen Beteiligten anzusehen: Die Wiederansiedlung von Zugvögeln ist weltweit einzigartig und ein wichtiges Vorbild für zahlreiche weitere Artenschutzprojekte. Auch Forschungsfragen lassen sich mit den Waldrappen gut lösen: Das Team um Johannes Fritz testet derzeit solarbetriebene GPS-Sender in Tropfenform, die aerodynamisch optimal an den Vogelkörper angepasst sind. Und mit kleinen Datenloggern erkennen die Forschenden, welche Vögel wann die Leitung in der Flugformation übernehmen und wie sich die Tiere anordnen, um optimal Energie zu sparen.

LEXIKON

Waldrappe leben in Gruppen, fressen Schnecken, Würmer und Insekten. Sie brauchen dafür offene Flächen und profitieren von biologischer Landwirtschaft ohne Pestizide.

Die Brutgebiete liegen in Kuchl bei Salzburg, Burghausen in Bayern und Überlingen am Bodensee. Weitere Kolonien gibt es in Rosegg und Grünau. Das Überwinterungsgebiet ist in der Toskana: WWF Oasi Laguna di Orbetello.

Das EU-Projekt Life 20 will neue Brutgebiete in Italien, der Schweiz und Rossegg etablieren und die bestehenden durch eine kleinere Kolonie vernetzen.


[SFJBO]