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Zwischennutzungen

Kreativszene als Lückenfüller

Ein Anfang ist gemacht: der Kultur-Kiosk von Moisturride, erster Vorbote des Zwischennutzungsprojektes „Wild im West“.
Ein Anfang ist gemacht: der Kultur-Kiosk von Moisturride, erster Vorbote des Zwischennutzungsprojektes „Wild im West“.Avoris
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Leerstehende Immobilien oder Baulücken werden immer öfter mit temporären Projekten bespielt. Spezielle Einrichtungen unterstützen bei der Umsetzung.

Als am vergangenen Wochenende Menschen eine Baulücke in der Äußeren Mariahilfer Straße stürmten, dann nicht etwa aus Protest gegen die geplante Errichtung eines Wohn- und Geschäftshauses, sondern durchaus mit Wohlwollen des Bauträgers Avoris: Ein Flohmarkt, für den sich rund 40 Verkäufer angemeldet haben, eröffnete dort nämlich das Projekt „Wild im West“. „Dabei handelt es sich um eine Zwischennutzung, bis wir in frühestens einem Jahr mit dem Neubau starten“, erklärt Avoris-Geschäftsführer Christian Sageder. Seine Motivation: „Wir wollen das Areal in der Zeit der Bauvorbereitung für die Menschen nutzbar machen.“ Also finden dort an Wochenenden Märkte, an anderen Tagen Kulturveranstaltungen statt.

Ateliers in der alten WU

„Viel Geld lässt sich mit solchen Zwischennutzungen kaum verdienen – eher ist es die Leidenschaft für Kunst und Kultur, die derartige Initiativen entstehen lässt“, sagt David Kreytenberg, Geschäftsführer des Konzeptbüros YesUs. Dieses ist nicht nur für „Wild im West“ verantwortlich, sondern war auch an der temporären Nutzung des ehemaligen Wiener Sophienspitals in den vergangenen zwei Jahren durch das Projekt „West“ beteiligt. Im ehemaligen Verwaltungstrakt und in einem Neubau entstehen demnächst geförderte Wohnungen. Der „Europa-Pavillon“, der dafür abgerissen wird, beherbergte in diesen beiden Jahren Büros und Ateliers, auf dem Dach wurden Obst und Gemüse gezogen. Eine besondere Attraktion war der Gastro-Bereich im Park.

Mittlerweile ist das Projekt „West“ umgesiedelt: Seit März bespielt man die Alte Wirtschaftsuni im neunten Gemeindebezirk mit Atelierräumen, temporären Büros und Eventflächen, um damit ein „Zentrum für Kreativität, Kultur und Urbanität“ zu schaffen. Unweit davon, im Stadtentwicklungsgebiet Nordwestbahnhof, verhindert seit vergangenem Herbst ein Performance-, Tanz- und Theater-Areal, dass das Gelände eines früheren Textilherstellers und eines Getränkegroßhandels bis zur Entstehung eines neuen Stadtteils ab 2024 ungenutzt bleibt.

Attraktivitätsbonus

Dass es oft Kunst- und Kulturaffine sind, die zur Bespielung von Zwischennutzungen eingeladen werden beziehungsweise temporäre Flächen nutzen, hat zum einen mit den traditionell prekären Raumverhältnissen zu tun, die Künstlerinnen und Künstler solche Angebote als willkommene Chance ergreifen lässt. Zum anderen auch damit, dass sich aus einer kulturellen Nutzung, ebenso wie aus Gastro-Angeboten, ein Attraktivitätsbonus für die städtische Bevölkerung herleiten lässt.

In der Bundeshauptstadt gibt es mit „Kreative Räume Wien – Service für Leerstandsaktivierung“ zudem eine Einrichtung, die sich seit mittlerweile sechs Jahren im Auftrag der Stadt mit der Raumnutzung durch Kultur und Kreativwirtschaft, aber auch mit Sozialem und Stadtteilarbeit befasst.

Vorzeigeprojekt Tabakfabrik

Ein Schwerpunkt liegt auf der Begleitung von Zwischennutzungen – so wie bei der „Garage Grande“ in Ottakring. Ein nicht mehr in Verwendung stehendes Parkhaus mit fünf Etagen wartet darauf, ab kommendem Jahr durch einen Wohnbau ersetzt zu werden. Bis dahin steht ein Parkdeck für Kunstausstellungen und kreative Projekte zur Verfügung, im Mittelpunkt steht jedoch die urbane Begrünung. Es wird gemeinsam gegartelt, Honig von Stadtbienen gesammelt und an der Fassade Hopfen angebaut, aus dem dann Bier gebraut wird. Die Immobilie wird von der Ulreich Bauträger GmbH zur Verfügung gestellt, die Aktivitäten werden von der Gebietsbetreuung Stadterneuerung, einer weiteren Service-Einrichtung der Stadt Wien, koordiniert.

Andere Wege ist man in Linz bei der Umgestaltung der 2009 stillgelegten Tabakfabrik gegangen, aus der mittlerweile eine vielschichtige Büro- und Produktionsstätte geworden ist. Nach einer ersten Phase der Zwischennutzung, als es mithilfe zahlreicher Veranstaltungen darum ging, das ehemals abgeriegelte Industriegelände als nunmehr offene Stätte der Begegnung ins Bewusstsein zu rücken, begann man, die umgestalteten Räume nach und nach – einem strengen Konzept folgend – zu vergeben.

Offene Begegnungsstätten

„Eine Zwischennutzung bietet die Chance, Feedback zu sammeln und auszutesten, was in der jeweiligen Architektur künftig passieren kann und wo man bei der Gestaltung etwas ändern muss“, sagt Chris Müller, Direktor für Entwicklung, Gestaltung und künstlerische Agenden der Tabakfabrik. Ziel sei eine Art „kollaborativer Konzern“, bei dem jeder Nutzer von den anderen, deren Expertisen und Vorzügen profitiere. „Viele der einstigen Zwischennutzer sind inzwischen zu ständigen Nutzern geworden“, zieht Müller Bilanz. Der nächste Schritt erfolgt Anfang Mai: In einem ehemaligen Tabakspeicher wird ein Depot der im Eigentum der Stadt Linz stehenden Kunstwerke eröffnet, das auch besichtigt werden kann.

INFO

In Wienunterstützt das Büro Kreative Räume Wien Bespielungen von leer stehenden Flächen oder Baulücken. Ein Schwerpunkt liegt auf der Beratung von Raumsuchenden und Nutzern sowie Liegenschaftseigentümern. Daneben betreibt das Büro auch Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit. Sehr aktiv in diesem Feld ist auch das Konzeptbüro YesUs, das derzeit das Projekt „Wild im West“ in Wien 15 in Szene setzt. In Linz gilt die Tabakfabrik als Vorzeigebeispiel einer Zwischen- und Nachnutzung.

www.garagegrande.at, www.kreativeraeumewien.at, www.yesus.at, www.tabakfabrik-linz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2022)