Die deutsche Band Rammstein hat ihr Spiel mit dem Tabubruch überreizt. Mit ihrem achten Album „Zeit“ bleibt nur mehr der Weg ins Festzelt.
Oft wurden Rammstein für ihre Koketterie mit totalitärer Ästhetik kritisiert und dann doch wieder, etwa vom Philosophen Slavoj Žižek, in artistisch-philosophischer Weise reingewaschen. Doch im Vorjahr stand Sänger Till Lindemann tatsächlich beim Militärmusikfestival am Roten Platz und sang „Lubimyi Gorod“, ein Heldenlied aus der Sowjetära. Und er intonierte es sogar auf Russisch. Mag er auch sprachlich schwer zu verstehen gewesen sein, die Militaristen waren begeistert. „Die Tribünen explodierten buchstäblich vor Applaus“, schwärmte das Regierungsblatt „Rossijskaja Gaseta“. Wo da die Lindemann so gern unterstellte Ironie gewesen sein mag?
Mittlerweile rührt sich Opposition auch in der Band. Gitarrist Richard Kruspe hat sich früh pro Ukraine positioniert. Vor den aktuellen Konzerten hat die Band eine Erklärung abgegeben. Sie lautet: „Rammstein möchten ihre Unterstützung für das ukrainische Volk zum Ausdruck bringen, das sich gegen den schockierenden Angriff der russischen Regierung wehrt. Wir empfinden in diesem Moment besonders Trauer über das Leid der Ukrainer.“ Ist das glaubwürdig oder bloß Ausdruck der Angst vor einem Umsatzrückgang? Seit Lindemanns bizarrem Auftritt in Moskau ist nicht einmal ein Jahr vergangen. Jetzt entsetzt der reale Krieg. Die westlichen Gesellschaften werden durch grausame Bilder erschüttert, durch Inflation bedrängt. Der Bedarf an einem kriegsverherrlichenden Theater der Grausamkeit, wie es Rammstein mit feststehenden Charakteren à la Commedia dell'arte seit Jahrzehnten aufführen, dürfte rückläufig sein.