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Bestandsaufnahme

Strategien für den Fall des Falles

Nicht jedes Missgeschick ist harmlos, bei ernsten Zwischenfällen brauchen Unis einen Plan für Prävention und Reaktion.
Nicht jedes Missgeschick ist harmlos, bei ernsten Zwischenfällen brauchen Unis einen Plan für Prävention und Reaktion.Getty Images/iStockphoto
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Um sich für Akutfälle zu rüsten, braucht es stringente Vorgangsweisen und Ansprechpartner an Hochschulen. In puncto Risikomanagement gibt es Aufholbedarf.

Wer ist zuständig, wenn in den Toiletten einer Hochschule benützte Spritzen herumliegen? Hat man die Pflicht, ein beschädigtes Stromkabel sofort dem Hausdienst zu melden, obwohl dieser – gerade in modernen Hochschulgebäuden ohne „Portierloge“ – nicht greifbar ist? Was ist zu tun, wenn im Hörsaal eine psychisch erkrankte Person aufgrund eines akuten Schubs zur Gefahr für sich selbst oder andere wird?

Die Bereiche, mit denen sich Risikomanagement an Universitäten und Hochschulen auseinandersetzen muss, sind vielfältig. Sie beginnen bei Trivialem wie der Verletzungsgefahr durch eine kaputte Fliese und enden bei der Bevorratung von Lebensmitteln für einen Kriegsausbruch sowie bei Katastrophenschutzszenarien aller Art. Auch die Freiheit der akademischen Forschung und Lehre sowie der Erschließung der Künste, die in Österreich in einem Bundesverfassungsgesetz verankert ist, kann mit Risken verbunden sein, zum Beispiel wenn Lehrende potenziell gefährliche Projekte durchführen. Bisher sei Österreichs Hochschullandschaft glücklicherweise relativ frei von gravierenden Schadensfällen an Universitäten und Hochschulen geblieben, sagt der Jurist und Bildungsforscher Werner Hauser. In Situationen wie den oben genannten ist jedoch laut Hauser kaum eindeutig geregelt, an wen man sich im Akutfall wenden kann und was überhaupt zu tun ist.

Um einen tieferen Einblick in den Status quo zu bekommen, hat Hauser, der selbst als Lehrender an der Fachhochschule Joanneum sowie an der Universität Klagenfurt tätig ist, im Jahr 2019 (also vor der Covid-Krise) die Homepages aller österreichischen Universitäten, Privatuniversitäten, Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen auf das Vorhandensein von Risikomanagement-Systemen durchforstet. Nur an 20 dieser Einrichtungen fanden sich – etwa im Organigramm – Ansprechpartner für Krisen- oder Risikomanagement oder elementare einschlägige Strukturen. An acht von diesen 20 konnte Hauser den Verantwortlichen Fragen zu bestehenden oder fehlenden Faktoren des Risikomanagements stellen.

Kein Szenario für Umsetzung

Die Antworten darauf wurden zwar auf vertraulicher Basis gegeben und sind nicht repräsentativ, ergaben jedoch – zusammen mit den von Hauser als „dürftig“ eingestuften Auskünften der Homepages – ein Gesamtbild, das der ursprünglichen Vermutung des Bildungsforschers entsprach: Nur an einer Institution war bereits ein sogenanntes Notfallhandbuch entwickelt worden, das auf die konkreten Gegebenheiten der Hochschule abgestimmt worden war.

Ansonsten war kein gesamthaftes Risikomanagementsystem vorzufinden, das über kaufmännische oder finanzwirtschaftliche Risikobewertungssysteme hinausgegangen wäre. Die Hälfte der Universitäten und Hochschulen, die Hauser befragen konnte, hatten zum damaligen Zeitpunkt bereits Prozesse eingeleitet, um Risikomanagementsysteme zu entwickeln. Die informell zur Verfügung gestellten Unterlagen könnten, geht es nach dem Bildungsforscher, ausgereifter sein, wie er in einem Beitrag für einen Sammelband ausführt („Multidisziplinäre Perspektiven im Innovations- und Wissensmanagement“, Verlag Peter Lang, 2021).

Manche Risikobereiche seien sehr detailreich dargestellt, andere jedoch – ohne Angabe sachlicher Gründe – nur rudimentär skizziert worden. Gefehlt hätten zudem Ausführungen, wie die Umsetzung an der Hochschule zu kommunizieren sei.

Blick zu den Nachbarn

Österreich ist mit der Problematik nicht allein – auch wenn in den Nachbarstaaten laut Hauser vereinzelt derartige Systeme an hochschulischen Einrichtungen implementiert wurden. In der Schweiz veröffentlichte der Rat der Eidgenössischen Technischen Hochschulen (ETH) bereits 2006 „Weisungen des ETH-Rates über das Risikomanagement der ETH und der Forschungsanstalten“ in 16 Artikeln. In Deutschland wurden 2008 erste Vorschläge zur Gestaltung eines effizienten Hochschul-adäquaten Risikomanagements publiziert – in die Hochschulgesetzgebung der Länder hat das Thema allerdings auch in diesen beiden Nachbarländern noch keinen Eingang gefunden.

Um diesen Schritt – auch in Österreich – zu tun, würde es aus Hausers Sicht ausreichen, an einer einzigen Schraube zu drehen: „Man könnte bei den Qualitätssicherungssystemen, die ja an allen staatlichen und privaten akkreditierten Einrichtungen vorzusehen sind, den Prüfbereich ,Risikomanagement‘ dazunehmen und skizzieren, was als Mindestmaß zu tun ist. Das würde naturgemäß bewirken, dass man sich damit auseinandersetzen muss.“

Lexikon

Risiko, laut Duden mit dem Begriffsfeld „Wagnis“, „Gefahr“, „Verlustmöglichkeit“ assoziiert, ist von der Krise als konkrete Entscheidungssituation oder gefährliche Situation zu unterscheiden. Unter Risikomanagement ist (im Unterschied zu Krisenmanagement) die generelle – permanente und systematische – Erfassung von Risken aller Art für eine Organisation zu verstehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2022)