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Nobelpreisträger ist unerwünscht

Nobelpreistraeger unerwuenscht
(c) AP (CHRIS ISON)
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V.S. Naipaul wurde auf Betreiben religiös-konservativer Medien in der Türkei von einem Kongress ausgeladen.

Es sollte eine stolze Eröffnung werden: Istanbul wollte sich dieser Tage mit einem Schriftstellerkongress als Kulturhauptstadt Europas präsentieren – und niemand Geringerer als V.S. Naipaul war als Eröffnungsredner geladen: ein Nobelpreisträger. Ein Autor, der für seine Kompromisslosigkeit bekannt ist. Es hätte zu gut gepasst: Thema der Veranstaltung des Europäischen Schriftstellerparlaments ist nämlich unter anderem die kulturelle Vielfalt im Nationalstaat.

V.S. Naipaul – mit vollem Namen Vidiadhar Surajprasad Naipaul, wobei die Vornamen übersetzt „Spender der Weisheit“ und „Geschenk an die Sonne“ bedeuten – ist als Sohn eines indischen Journalisten auf der Karibikinsel Trinidad aufgewachsen und mit 18 Jahren nach Oxford aufgebrochen. In seinen Romanen, Essays, Reiseberichten verarbeitete er, was er in Asien, Afrika und Europa beobachtet hatte. Dass er dabei auch den Islam kritisierte, wird ihm nun angekreidet. Konservativ-religiöse türkische Zeitungen plädierten dafür, den Schriftsteller wieder auszuladen: „Wie können wir unseren Autoren zumuten, am selben Tisch mit Naipaul zu sitzen, der Muslime mit so vielen Schmähungen bedacht hat?“, fragte etwa der Schriftsteller Hilmi Yavuz in der Tageszeitung „Zaman“.

Die Konferenz gab dem Druck nach: Naipaul habe „im gegenseitigen Einvernehmen“ seine Teilnahme zurückgezogen. Doch die Debatte beginnt erst: „Gerade in diesen Tagen, wo wir so oft sagen, dass wir uns der Welt gegenüber öffnen, zeigen wir, wie geschlossen wir sind“, meinte etwa der Journalist Ece Temelkuran. Schon haben türkische Autoren ihre Teilnahme abgesagt. best

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2010)