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Randerscheinung

„Herzliches Beileid an alle, die das lesen müssen!“

Carolina Frank
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Es heißt ja für Eltern immer, es sei für Kinder nicht entscheidend, was man sage, sondern was man tue.

In der aktuellen Klassenlektüre des Jüngsten, einem ziemlich zünftigen, ziemlich zerlemperten Ziegel von einem Buch, das in der Schulbibliothek offenbar schon durch viele Hände gegangen ist, steht auf dem Deckblatt auf Seite 3: „Herzliches Beileid an alle, die das lesen müssen!“ Ich finde das erstens wirklich lustig, weil Kindern irgendwelche dicken Bücher in die Hand zu drücken und zu glauben, die wollen das dann lesen, sehr unrealistisch ist und nicht funktioniert. Also, wenn man tatsächlich vorhätte, sie für das Lesen zu begeistern, was ich hoffe und annehme. Und wenn man wüsste, sie wollen es nicht lesen, und man zwänge sie trotzdem dazu (wer würde so etwas tun?), wäre das total kontraproduktiv.

Zweitens mag ich diese Graf-von-Monte-Christo-Vorstellung, dass man an der Wand in einem grässlichen, dunklen, feuchten Verlies in kaltem Stein geritzt eine ­Botschaft an einen Unbekannten ­hinterlässt, die einem unbekannten Unglücklichen Jahrzehnte später in seiner Verzweiflung Mut zuspricht oder vielleicht sogar einen Weg aus dem Gefängnis weist. Gut, so schlimm ist ein dickes Buch dann auch wieder nicht, aber geteiltes Lektüreleid ist halb so langweilig, da ist schon etwas dran. Es heißt ja für Eltern immer, es sei für Kinder nicht entscheidend, was man sage, sondern was man tue.

Was das Lesen angeht, stimmt das bei uns zu Hause nicht. Nur der Älteste liest immer an irgendeinem Buch herum. Aber vielleicht kommt ja bei uns in der Bücherfrage diese Gegenteilsache zwischen Eltern und Kindern zum Tragen: Entweder man übernimmt, was einem zu Hause vorgelebt wird, oder man hat nach 18 Jahren Kindheitskerker genug davon und geht wie Edmond Dantès auf und davon. Was ja auch in Ordnung ist – aber hoffentlich ohne Dantès’ Rachegedanken. 

("Die Presse Schaufenster" vom 06.05.2022)