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Donaufestival

So sanft und leise kann Hip-Hop sein

Implosion statt Explosion: Ishmael Butler war in den Neunzigern das Mastermind der Hiphop-Formation Digable Planets. Jetzt lässt er mit Shabazz Palaces Lakonik und Poesie walten.David Visnjic
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Ishmael Butlers Hiphop-Formation Shabazz Palaces brachte die Menge in Krems zum Wuseln – trotz provokant schläfriger Rhythmen.

Ultramarin? Kobalt? Indigo? Schwer zu sagen, welche Art von Blau an diesem Abend die Bühne dominierte. Dunkel und dennoch leuchtend war die Farbe jedenfalls, ganz so wie die sonor gerappten Sprachbilder von Ishmael Butler. Dankenswerterweise stockte er für seinen Auftritt beim Donaufestival in Krems am Sonntagabend sein Hip-Hop-Duo Shabazz Palaces mit Thaddeus und Gerald Turner an Bass, Gitarre und Keyboards auf. Das war entscheidend für die begeisternde Performance. Turners Keyboardsounds erinnerten an Grandmaster Flash, der treibende Bass gemahnte an Funkadelic. Die mysteriös-mystischen Klangwelten hingegen, die Butler und Darrius Willrich, das Kernduo, kreierten, muteten extraterrestrisch an wie einst das Schaffen von Sun Ra. Für Shabazz Palaces ist einfach immer alles gleichzeitig möglich.

Wie in der packenden Eröffnungsnummer, in der 1980er-Boogie-Sounds, P-Funk, Astraljazz und heutige subsonische Bassfiguren, alles höchst heterogene Klänge, harmonisch zueinanderfanden. „An Echo From The Hosts That Profess Infinitum” hieß dieses faszinierende erste Stück. Von Minute eins an wurde getanzt, obwohl die Rhythmen von provokanter Schläfrigkeit waren. Aber die Macht der Bassfrequenzen und das Zeitlupenstakkato der Raps machten knieweich. Auf die ein wenig bockigen Grooves von „Fast Learner“ und „Forerunner“ reagierten die Menschen mit federnden Bewegungen.

Schon der zweite Welterfolg von Ishmael Butler

Zu den delikaten Sounds gereichte Butler gesellschaftspolitische Sermone. „Ideas in recline“ konstatierte er etwa. Oder „flamboyant obstacles“, die es täglich zu bewältigen gibt. Selbst hat der 1969 geborene Butler das Wunder von zwei Karrieren geschafft. In den Neunzigerjahren war er Mastermind der Hip-Hop-Formation Digable Planets. Damals nannte sich Butler noch Butterfly. Mit ihm rappten Doodle und Ladybug, eine frühe Dame des Genres. Von Brooklyn aus eroberten sie die Welt als Teil der ersten Garde der New School of Hiphop, zu der auch A Tribe Called Quest, EPMD und De La Soul zählten. Aus familiären Gründen ging Butler 2003 wieder in seine Heimatstadt Seattle zurück. Dort konzipierte er Shabazz Palaces, sein zweites Hip-Hop-Projekt, dem globaler Erfolg beschieden sein sollte.

Abermals kümmerte er sich in seiner Kunst um die „chicks and fellas in the hoods, yards, barrios, and favelas“. Seine Musik erscheint auf dem Rocklabel Sub Pop, was ein wenig kurios ist, denn in Seattle herrscht normalerweise kulturelle Segregation vor. Nicht aus Zwang, sondern schlicht aus einer Neigung heraus, wie Butler der „Presse“ sagte. Seattle war nie ein Epizentrum des Hip-Hop. Bis Butler kam. Mit seiner Lakonik und seiner Poesie bewegt sich Butler am exakt entgegengesetzten Ende des zeitgenössischen Ausdrucks. Wo sich ein aktueller Jungstar wie Travis Scott möglichst nah an den Sound einer Detonation herantastet, gewinnt Butler die große Aufmerksamkeit gerade durch seinen leisen Ansatz. Implosion statt Explosion. Murmeln statt Brüllen. Das zeitigte heftiges Wuseln noch bei der Zugabe „Mind Glow Rodeo“. Glühende Köpfe, brennende Fußsohlen – so muss Hip-Hop.[SGT9G]