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Die Ich-Pleite

Fluch und Freundschaft

Carolina Frank
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Das durchsichtige Kleid, die enge Hose und den glänzenden Pullover hätte ich mich ohne sie nicht zu nehmen getraut. Zuhause hat mich der Mut allerdings wieder ver­lassen.

Letzten Sommer war ich mit ­meiner Freundin Eva in Berlin. Zu­­fällig war dort gerade Sommer-Sale in den Geschäften. Wir fanden einen ganz entzückenden Laden in Berlin Mitte. Billig war er allerdings nicht. Aber Eva meinte: Aufs Geld schauen wir jetzt einmal nicht. Wo wir in der ganzen Coronazeit nicht rausgekommen sind. Ich gab ihr recht. Wir haben dann allerdings so viel gefunden, dass wir unser ganzes Urlaubsbudget dort lassen hätten können. Dort gelassen hab’ es schließlich nur ich. Eva hat nur ein T-Shirt gesehen, das ihr dann aber doch zu gestreift war. Dafür hat sie mich super beraten. Das durchsichtige Kleid, die enge Hose und den glänzenden Pullover hätte ich mich ohne sie nicht zu nehmen getraut. Zuhause hat mich der Mut allerdings wieder ver­lassen. Dieses Jahr war ich mit Eva zu Ostern wieder in Berlin. Dieses Mal war meine Ausbeute sogar noch ­größer. Beim Zahlen schaut mich die Ladenbesitzerin nachdenklich an. ­


Ob ich letzten Sommer auch schon da war? Ich nicke. Sie erinnert sich sogar noch ganz genau, was ich gekauft habe. Ich bin geschmeichelt. Sie ist ganz happy. Sie freut sich, dass ich wiedergekommen bin! Gleich gibt sie mir Prozente, denke ich. Sie lächelt: „Dann können Sie mir ja jetzt die Rechnung vom letzten Jahr bezahlen“, sagt sie. Ich habe bestimmt nicht übertrieben intelligent dreingeschaut. Aber sie erklärt es mir. Letztes Jahr hat nämlich die Kreditkarten-Übertragung nicht funktioniert. Sie zeigt es mir im Computer. Ob es mir an der Abrechnung nicht aufgefallen ist? Äh, welche Abrechnung? Eva verdreht die Augen. Ich bezahle die neue und die alte Rechnung. Beim Hinausgehen frage ich noch, wie sie sich an mich erinnern konnte. „Oh“, lächelt sie, „an Sie habe ich mich gar nicht erinnert. Aber an Ihre Freundin.“

("Die Presse Schaufenster" vom 29.4.2022)