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Ausstellung

Wie die Surrealisten Freud (miss-)verstanden

´Minotaure aveugle guidé par Marie.Thérèse au pigeon dans une nuit étoilée´, 1935, Pablo Picasso, Picasso Museum, Paris, France, Europe (Javier Larrea)
Pablo Picasso, "Minotaure aveugle guidé par une fillette dans la nuit", 1934.(c) imago images/Javier Larrea
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Die Surrealisten verehrten Freud, er sah sie kritisch. Die traumhafte Ausstellung „Surreal!“ im Freud-Museum zeigt hundert Werke und eine schwierige Beziehung.

„Vive Freud, le grand savant viennois!“ Mit diesem Ausruf beginnt der Eintrag über Sigmund Freud im „Dictionnaire abrégé du Surréalisme“ (1938). Doch dem Vivat folgt eine Distanzierung: Man weise einen großen Teil der Philosophie Freuds als Metaphysik (im Original kursiv) zurück. Man kann sich vorstellen, wie der „große Wiener Gelehrte“ reagiert hätte, wenn er dieses Wörterbuch noch gelesen hätte: Dass man ihm, dem glühenden Verfechter einer „wissenschaftlichen Weltanschauung“, unterstellt, Metaphysik zu treiben . . .

Der Eintrag wirkt wie ein resigniertes Postscriptum zum vieljährigen, vielfach aufgeladenen, ja: neurotisierten Diskurs zwischen Freud und den Surrealisten, der 1920 mit einem Besuch André Bretons in der Berggasse begann und 1938 mit dem Besuch von Salvador Dalí in Freuds Londoner Haus endete. Zugespitzt gesagt: Die Surrealisten wollten Freud als – dezidiert väterlichen – Verbündeten in ihrem Kampf gegen die Kontrolle durch die Vernunft sehen; Freud wollte just für diese Kontrolle kämpfen – für die Herrschaft des Realitätsprinzips, des Ichs. Als „Kulturarbeit etwa wie die Trockenlegung der Zuydersee“ beschrieb er das in „Das Ich und das Es“. Um die Metapher aufzugreifen: Die Surrealisten badeten lieber in der Zuydersee.

Absage an André Breton

So klang Freud untypisch brüsk, als er 1937 Bretons Bitte um einen Beitrag für einen Band über Träume ablehnte: Ihn interessiere nur der „latente Trauminhalt, den man durch analytische Deutung aus dem manifesten Traum gewinnen kann“, eine Sammlung von Träumen ohne diese Analyse sei ihm egal. Breton reagierte elegant, indem er die Absage in seinen Band aufnahm.

Diese Briefe, teils im Original, fesseln in der Ausstellung, deren augenscheinliche Faszinosa natürlich die über hundert Kunstwerke sind, die der Sammler Helmut Klewan dem Freud-Museum zur Verfügung gestellt hat. Ihm ist zu danken, dass im ehemaligen Wohn- und Esszimmer Freuds nun – vor Trennwänden in Grün, der Lieblingsfarbe Bretons – die Werke hängen, angesichts derer Freud wohl sein kokettes Bekenntnis wiederholt hätte, dass er der Kunst leider „so fernstehe“. Dazu das Porträt Hermann Strucks aus dem Jahr 1914, das Freud ziemlich alt und dick wirken lässt. Er bedankte sich trotzdem beim Künstler für die „reizende Idealisierung“, dieser habe „das Ruppige und Eckige in Abgerundetes und Welliges übersetzt“. Höflich konnte er sein.
Tatsächlich war sein Kunstgeschmack konservativ, er sammelte antike Plastiken („meine alten und dreckigen Götter“ nannte er sie), aber etwa Leonardo da Vincis „Anna selbdritt“ konnte er eine faszinierende psychoanalytische Deutung abgewinnen, die auch dann nicht völlig einstürzte, als Kritiker einwandten, dass der Vogel auf da Vincis Bild kein (mit der Göttin Mut und der Mutter assoziierbarer) Geier, sondern ein Milan ist.

Was würde Freud aus den nun in seiner Wohnung ausgestellten Werken lesen? Hier und dort klare Symbolik, gewiss. Das Hybrid aus Revolver und Wasserhahn etwa, in Marcel Mariëns „Secret of the Alcove“ (1950) vor einem nackten weiblichen Unterleib drapiert. Den Penis und den Vogel im Bilderrahmen auf Juro Kubiceks „Dame in Pelz“ (1945). Manches schiene ihm – und scheint uns heute – vielleicht brutal, etwa der zerfetzte, kopflose Frauenkörper, auf Baumästen aufgespießt in Maurice Henrys „Dépouille du désir“ (1930). Und vieles entzieht sich der freudschen Deuterei, so das Motiv des Auges in der Handfläche, in der Ausstellung zwei Mal vertreten, in Victor Brauners „Traces et Interstices“ (1963) und in Herbert Bayers „Lonely Metropolitan“ (1973).

Picassos blinder Stier

Man sieht schon an den Zeitangaben: Der Sammler und die Kuratorinnen fassen den Stilbegriff Surrealismus weit. Doch eines suggerieren die Werke über die Jahrzehnte: Der surrealistische Blick ist wohl am reizvollsten, wenn er sich nicht an klare Symbole klammert, wenn er nicht auf instantane Deutung aus ist. Wenn er eben nicht freudianisch ist. Wenn die Wünsche und Begierden unfassbar bleiben. Wenn die Übersetzung unvollständig bleibt, bleiben muss.

Paul Delvaux' irritierend mondhafter „Bois sacré“ etwa: Die einander so seltsam ähnelnden Frauen schreiten nicht auf ein Ziel zu, und die Züge stehen gewiss nicht (nur) für Geschlechtsverkehr. Oder Picassos „Minotaur aveugle guidé par une fillette dans la nuit“ (1935): Natürlich denkt man an den geblendeten, von seiner Tochter ins Exil begleiteten Ödipus. Aber Picassos träumerischer Stiermensch ist eben weniger und mehr zugleich, er sieht die nächtlichen Sterne, obwohl er blind ist.
„Nun seht aber diese gescheiten Surrealisten!“, schrieb Picasso 1926 über deren Interpretation seiner „Punkte und Linien“, seiner „Kritzeleien“: „Sie fanden in all dem einen ,Sinn‘.“ Was Sinnsuche und -findung in der Bildenden Kunst bedeuten kann, auch darüber zu grübeln verführt einen diese traumhafte Ausstellung.

Freud-Museum: „Surreal – Vorstellung neuer Wirklichkeiten“, kuratiert von Monika Pessler und Daniela Finzi, bis 16. Oktober.