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Lobau: Echte Au oder "aktive Sterbehilfe"?

Trockene Au
Vor allem die Untere Lobau trocknet aus. Gegenmaßnahmen lehnt die Stadt Wien derzeit ab, es gebe einen Konflikt mit der Reserve fürs Wiener Trinkwasser.(c) (Kurt Kracher)
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Wissenschaftler appellieren an den Bürgermeister, um die Versteppung der Unteren Lobau zu stoppen. Ein Sanierungs-Projekt liegt jahrelang auf Eis.

Das Problem ist seit Jahrzehnten bekannt, die Gegenmaßnahmen sind es auch – aber es geschieht nichts Substanzielles: Die Untere Lobau trocknet aus. Das führt dazu, dass die Auenlandschaft die Anbindung an das Donauwasser mehr und mehr verliert. Die Folgen: Wissenschaftler beobachten Verlandung und Versteppung. Das Austrocknen wandelt das Gebiet in eine „harte Au“ um, wodurch die Zusammensetzung der Arten eine gänzlich andere wird – es verschwinden jene, die auf das Charakteristikum frei fließender Flüsse angewiesen sind, das Steigen und Sinken von Wasser während des Jahres, hervorgerufen durch unterschiedliche Pegelstände, die auf den Wechsel von Schneeschmelze, Hitze und Regenfälle zurückzuführen sind.

Die dramatische Entwicklung vergangener Jahrzehnte beginnt sich zuzuspitzen. Zwischen 1938 und 2010 hat sich die Zahl der Kleingewässer – von Tümpeln bis zu kleineren Nebenarmen – halbiert. Bis 2050 ist damit zu rechnen, dass die meisten von ihnen verschwunden sein werden – wenn nicht Gegenmaßnahmen ergriffen werden.

Es gibt klare Vorstellungen darüber, wie die aussehen sollen – konkret geht es um die Zuführung von Wasser, in dem Neue Donau und je nach benötigter Wassermenge der Hauptstrom der Donau angezapft werden. Thomas Hein, Leiter des Instituts für Hydrobiologie und Gewässermanagement an der Universität für Bodenkultur in Wien: „Mit drei Kubikmeter Wasser pro Sekunde kann verhindert werden, dass sich die Situation verschlechtert.“ Sie bliebe somit eingefroren, und wird von den Wissenschaftlern, die am Mittwoch in einer Pressekonferenz an die Öffentlichkeit getreten sind, nur als Notlösung gesehen.

Um eine nachhaltige Verbesserung zu erreichen, wäre allerdings ein Vielfaches an Wasser nötig – bei den Experten ist dabei von 20 bis 80 Kubikmeter Wasser pro Sekunde die Rede (zum Vergleich: In der Donau fließen im Schnitt etwa 2000 m3).

Zwischen 2010 und 2015 hat sich das Gewässervenetzungsprojekt ausführlich mit dem Thema beschäftigt. Das Spektrum der wissenschaftlichen Expertisen, die in dem Projekt zusammengeführt worden sind, waren breitest gestreut, die Ergebnisse zwar nicht überraschend, aber – in dieser verdichteten Form erstmals – zusammengeführt. Spätestens seit damals ist auch wissenschaftlich klar, dass die Au austrocknet, wiewohl die einzelnen Folgen (welche Arten wo und in welchem Ausmaß verschwinden etc.) unterschiedlich eingeschätzt und bewertet werden. In der Unteren Lobau hat eine Wasserdotierung seither nicht stattgefunden.

„Lobau muss Chefsache werden“

Gefordert wird nun ein Naturversuch, um etwaige Folge abzuschätzen. Ein solcher liegt so gut wie fertig in der Schublade. Ulrich Eichelmann, Sprecher von „riverwatch“, meint: „Die Vorgangsweise der Stadt Wien läuft auf eine aktive Sterbehilfe hinaus,“ Eichelmann führt ins Treffen, dass im niederösterreichischen Teil des Nationalparks Donauauen sehr wohl wasserwirtschaftliche Maßnahmen gesetzt werden, um Verlandung und Versteppung zu stoppen. Gebe es in Wien keine Maßnahmen, dann sei die Nationalparkverträglichkeit des Nationalparks in der Lobau gefährdet. Insgesamt gehe es darum, eine Abwägung zu treffen - Eichelmann: „Ist der Nationalpark wichtiger oder ist es die Wassernutzung?"

Namens des Naturschutzbundes fordert der Ökologe Peter Weish: „Wir wollen nicht mehr länger zuschauen, wie ein Naturjuwel unmittelbar vor unserer Haustür zugrunde geht und die Wiener Stadtregierung ungerührt dabei zusieht. Die Lobau braucht Wasser, und zwar viel und sofort!“ Weish lädt Bürgermeister Michael Ludwig zu einem Lokalaugenschein ein: „Die Lobau muss Chefsache werden.“

Die Zurückhaltung der Stadt Wien wird mit den Grundwasserbrunnen in der Lobau begründet – eine Reserve, sollte eine der beiden Hochquellleitungen ausfallen, aus welchen Gründen auch immer. „Wir müssen da auf Nummer sicher gehen,“ sagt Andreas Januskovecz, Wiener Forstdirektor und für den Nationalpark zuständig. „Wir tragen die Verantwortung für die Versorgung einer Millionenstadt.“

Er räumt ein, dass die Au austrocknet, steht bei Gegenmaßnahmen aber auf der Bremse: „Niemand weiß, was durch eine Wasser-Zuleitung ausgelöst würde.“ Er spielt da etwa auf mögliche, bisher unbekannte Altlasten an. Der Vorzug, das Wasser (der vier Grundwasserbrunnen in der Unteren Lobau) nicht aufbereiten zu wollen, „möchten wir uns möglichst lange erhalten.“ In Niederösterreich dagegen werde Grundwasser aufbereitet.

Und die Lösung für die austrocknende Au? In der Oberen Lobau soll die Wasserdotierung von 0,4 auf 1,5 m3 erhöht werden (ein Bescheid ist erlassen worden, aber noch nicht rechtskräftig), „dann sehen wir, welche Auswirkungen das auf den einen Grundwasserbrunnen dort hat.“ Erst wenn Daten der Oberen Lobau vorliegen, wende man sich der Unteren Lobau zu und erst dann könne ein Naturversuch in Betracht gezogen werden. Januskovec stellt in Abrede, dass die Frage des Wassers irgendetwas mit dem Lobau-Tunnel zu tun habe und bekennt sich zu einem „„dynamischen Naturschutz. Auch eine trockenere Au ist nationalparkverträglich.“

Die Wissenschaftler dagegen haben ein Forderungspaket verabschiedet:

„Auch wenn der Status ‘Nationalpark’ grundsätzlich eine Grundwassergewinnung zulässt, darf die Grundwassergewinnung nicht eine Verschlechterung des ökologischen Zustands und einen Biodiversitätsverlust zur Folge haben.

Kurzfristig umzusetzende, erste Maßnahmen, um aus der Patt-Stellung herauszukommen:

  • Testweise Einleitung von Wasser, um abzuklären, ob die Brunnen abseits der Annahmen von Modellberechnungen tatsächlich gefährdet sind.
  • Im Wasserwerk Lobau eine moderne Aufbereitungsanlage installieren
  • Das eigentliche Ziel muss aber die Wiederanbindung der Unteren Lobau an die Donau sein. Damit bekäme Wien endlich auch eine echte Au zurück
  • Wir fordern die Stadt Wien auf, endlich zu handeln und schlagen vor, sich von unabhängigen ExpertInnen des Österreichischen Biodiversitätsrates bei der Umsetzung von Maßnahmen zur Redynamisierung begleiten zu lassen.

Dieses Statement tragen Peter Weish (Naturschutzbund und Forum Wissenschaft & Umwelt), Thomas Hein (Boku), Manfred Christ (Lobaumuseum), Christian Griebler (Universität Wien), Elisabeth Haring (Naturhistorisches Museum Wien, ZooBot Österreich) und Ulrich Eichelmann (Riverwatch) mit.

 


Der Fotograf Kurt Kracher hat ein 2-Minuten-Video zur austrocknenden Au erstellt. Sie kann auf seiner Homepage abgerufen werden: „Das langsame Sterben der Lobau“