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"Brauner Dreck"

Muzicant: "Kickl ist eine Art Mini-Goebbels"

Die Entwicklungen in Frankreich, Russland, Ungarn, aber auch in Österreich seien bedenklich für die jüdische Gemeinde, meint Muzicant (Archivbild).
Die Entwicklungen in Frankreich, Russland, Ungarn, aber auch in Österreich seien bedenklich für die jüdische Gemeinde, meint Muzicant (Archivbild).APA/HANS KLAUS TECHT
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Zum Stimmenfang würde FPÖ-Chef Herbert Kickl sogar „seine eigene Großmutter verkaufen“, sagt Ariel Muzicant, Interimspräsident des Europäischen Jüdischen Kongresses, in einem Interview.

Der Interimspräsident des Europäischen Jüdischen Kongresses, Ariel Muzicant, findet in einem Interview mit der „Jüdischen Allgemeinen“ harte Worte für FPÖ-Chef Herbert Kickl. Unter anderem bezeichnet er den damaligen Generalsekretär der Freiheitlichen als „Mini-Goebbels“, also eine kleinere Version des Reichspropagandaleiters von Adolf Hitler.

Ariel Muzicant, seines Zeichens langjähriger Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wiens, wurde zum Interimspräsidenten des Europäischen Jüdischen Kongresses (EJC) ernannt, nachdem sein Vorgänger Moshe Kantor zurückgetreten war. Dieser war wegen mutmaßlich engen Verbindungen zu Russland Anfang April von Großbritannien und der EU mit Sanktionen belegt worden.

„Sicherheit der Juden in Europa kritisch"

Im Interview warnt Muzicant nun davor, dass wir uns in Europa in einer „kritischen Situation“ befinden würden. Etwa, was die Lage der Juden in Europa betreffe. "Wir wissen noch gar nicht, wie sich der Krieg in der Ukraine entwickelt und wie dramatisch die Auswirkungen sein werden, die noch auf Europa zukommen – zum Beispiel, ob die Arbeitslosigkeit stark ansteigt, falls es ein Gasembargo geben wird." Schon jetzt gebe es „furchtbare Zahlen beim Antisemitismus“, so Muzicant: „Ich will nicht schwarzmalen, aber wir müssen uns darauf vorbereiten, dass es noch schlimmer kommen könnte."

Angesprochen auf die Zukunft für jüdische Gemeinden in Mittel- und Osteuropa sagte der EJC-Interimspräsident: „Keine Frage, wir haben da ein Megaproblem, das auf uns zukommt.“ Das jüdische Volk sei zwar resilient. So hätte niemand geglaubt, dass „nach der Schoah, nach Stalin und den langen Jahren des Kommunismus“ jüdisches Leben in Osteuropa wiederaufgebaut werden würde, so Muzicant. Aber: „In den nächsten 20, 30 Jahren könnte womöglich die Hälfte der Juden Europa verlassen und kleinere jüdische Gemeinden würden ausbluten“. Und zwar nicht nur wegen des Antisemitismus, sondern auch wegen der Assimilation und des fehlenden Engagements im Bereich jüdischer Bildung. „Wir können uns in einer solchen Lage nicht ausruhen“, appelliert Muzicant, „sondern müssen uns noch mehr anstrengen, damit es nicht dazu kommt.“ Auch Israel müsse der jüdischen Diaspora hier helfen.

„Der braune Dreck kommt irgendwann zum Vorschein"

Aber zurück zur Aussage über FPÖ-Chef Kickl: Anno 2009 hat Muzicant den Ex-FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl bereits einmal scharf kritisiert. Der damalige Wiener Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) hatte die Methoden der FPÖ im Vorfeld mit jenen der Nazis verglichen. Muzicant stimmte ihm zu und legte noch eins obendrauf, indem er sagt, wenn er Kickl höre, erinnere ihn „dieses Gehetze und die Sprache an Joseph Goebbels“.

Im Lichte der Entwicklungen in Frankreich und Russland rückt die FPÖ nun erneut ins Zentrum der Antisemitismus-Debatte. Der „Mini-Goebbels-Sager“ war nur der Anfang von Muzicants Tadel. Der FPÖ-Chef sei dazu bereit, „seine eigene Großmutter zu verkaufen", wenn es ihm Stimmen bringen würde, meint Muzicant. Insbesondere Herbert Kickls Standpunkt in der Coronapandemie sei ein Zeichen dafür. In diesem Zusammenhang erwähnt er die Empfehlung Kickls, sich zur Behandlung von Covid-19 selbst Pferdeentwurmungsmittel zu verabreichen.

„Tiefer antisemitischer Bodensatz"

Vor allem, wenn es um Israel ginge, würde bei der FPÖ immer wieder der Antisemitismus durchkommen, meint Muzicant. Kickl sei „ein Paradebeispiel dafür“, dass bei den Funktionsträgern von Rechtsparteien „der braune Dreck irgendwann trotzdem zum Vorschein“ komme. Auch in Deutschland, Ungarn und Frankreich gebe es einen „tiefen antisemitischen Bodensatz“, den man „natürlich zu kaschieren“ versuche. „Das sind Kräfte, mit denen wollen und dürfen wir nichts zu tun haben“, stellt Muzicant klar. Diesbezüglich sei er „immer schon ganz klar“ gewesen.

Auf die Frage, ob er es für möglich halte, dass Kickl wie zu dessen Zeiten als Innenminister erneut Teil einer Regierung werden könnte, sagt Muzicant er sei „kein Prophet“. Er denke aber, „die ÖVP wird es nicht noch einmal tun“. Für die SPÖ könne er jedoch nicht die Hand ins Feuer legen.

>>> Zum Interview mit Ariel Muzicant