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Ukraine

Putin kündigt vor Parade Sieg „wie 1945“ an

Nach einem russischen Luftangriff auf eine Schule im Gebiet Luhansk sprechen die ukrainischen Behörden von möglicherweise mehr als 60 Toten.
Nach einem russischen Luftangriff auf eine Schule im Gebiet Luhansk sprechen die ukrainischen Behörden von möglicherweise mehr als 60 Toten.Reuters
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Vor „Tag des Sieges“ in Russland eskalieren Kämpfe im Osten. Videobotschaft Selenskijs zu Weltkriegsende.

Kiew/Wien. „In der Ukraine haben sie eine blutige Neuauflage des Nazismus organisiert. Eine fanatische Imitation des Regimes, seiner Ideen, Handlungen, Worte und Symbole.“ Mit dem Vergleich zwischen NS-Deutschland und dem russischen Regime gedachte der ukrainische Präsident, Wolodymyr Selenskij, am Sonntag des Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa. In einer hochemotionalen Videobotschaft aus dem schwer zerstörten Kiewer Vorort Borodjanka nannte er das russische Vorgehen „eine verrückte, detailgetreue Wiedergabe der Bestialitäten“ des Nationalsozialismus.

Selenskij, der in dem Schwarz-weiß-Video vor den Trümmern eines Wohnhauses stand, unterstrich „die fanatische Imitation des NS-Regimes, seiner Ideen, Handlungen, Worte und Symbole“. Er erinnerte an den Beitrag des ukrainischen Volks zum Sieg der Anti-Hitler-Koalition. Das Land habe unter Bombardements, Massenerschießungen und Okkupation gelitten, habe Menschen in Konzentrationslagern und Gaskammern, in Kriegsgefangenschaft und bei Zwangsarbeit verloren, am Ende aber trotzdem gewonnen.

Dutzende Tote bei Angriff auf Schule

Wladimir Putin hatte seinen Angriffskrieg auf die Ukraine mit einer angeblichen „Entnazifizierung“ begründet. Bei seiner Rede am Sonntag zog der russische Präsident ebenfalls Parallelen zu 1945: „Ebenso wie 1945 wird auch diesmal der Sieg unser sein.“ Er gratulierte den Führungen mehrerer Ex-Sowjetrepubliken sowie der ostukrainischen Separatistengebiete zum 77. Jahrestag des Weltkriegsendes. Die westlichen Alliierten sowie die Ukraine und Georgien ignorierte er. „Heute ist es Pflicht, die Wiedergeburt des Nazismus zu verhindern, der so viel Leid über die Menschen verschiedener Länder gebracht hat“, hieß auf der Kreml-Webseite.

International waren die Befürchtungen groß, dass Russland vor der Militärparade zum 9. Mai, dem Tag des Sieges der Sowjetunion über Hitlerdeutschland, die Angriffe noch weiter eskalieren lassen würde. Mit großer Sorge wurde die Rede des Kreml-Chefs am Montag erwartet. CIA-Chef Bill Burns ist jedenfalls überzeugt, dass Putin nicht nachgeben werde. Er sei in einer Verfassung, in der er nicht glaube, es sich leisten zu können, zu verlieren, zitierte die „Financial Times“ Burns. Putin sei überzeugt, mit noch mehr Einsatz Fortschritte erzielen zu können. Der CIA-Chef sieht aber keine praktischen Beweise dafür, dass Moskau einen Einsatz taktischer Atomwaffen plane. Dennoch dürfe man diese Möglichkeit nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Die Kämpfe jedenfalls wurden am Wochenende mit Brutalität fortgesetzt. Besonders heftig waren die Angriffe wieder in der Ostukraine. Nach einem russischen Luftangriff auf eine Schule in Bilohoriwka im Gebiet Luhansk sprachen ukrainische Behörden von mehr als 60 Toten. Im Schulgebäude hatten 90 Personen vor den Angriffen Schutz gesucht. Schwere Kämpfe wurden auch aus der Großstadt Sjewjerodonezk gemeldet, dort kam es ebenso wie in anderen Gebieten zu Stromausfällen. Odessa geriet ebenfalls wieder ins Visier: Die Stadtverwaltung berichtete nach russischen Angriffen von zahlreichen zerstörten Wohnhäusern. Mehr als 250 Wohnungen seien durch Raketenbeschuss beschädigt worden. In der Region Charkiw sei ein Konvoi mit zivilen Fahrzeugen beschossen worden, die Menschen seien vor Kämpfen auf der Flucht gewesen. Es soll mehrere Tote geben.

Überraschungsbesuch der First Lady

Nicht nur Kanadas Premier, Justin Trudeau, oder Deutschlands Bundestagspräsidentin, Bärbel Bas, bekundeten gestern durch Visiten in der Ukraine ihre Solidarität. Auch US-Präsidentengattin Jill Biden reiste überraschend von der Slowakei aus in die Ukraine ein und blieb knapp zwei Stunden dort, hieß es. In der Stadt Uschorod sei sie mit Flüchtlingen zusammengekommen.

Auch habe sie die Ehefrau des ukrainischen Präsidenten Selenskij, Olena Selenska, getroffen. Biden und Selenska hätten rundeine Stunde lang ein bilaterales Gesprächgeführt. Olena Selenska dankte Biden für ihrem „mutigen Besuch“. Jill Biden betonte: „Ich wollte zum Muttertag kommen. Ich dachte, es sei wichtig, dem ukrainischen Volk zu zeigen, dass dieser Krieg aufhören muss.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2022)