Eine Woche mit Kursverlusten: Wie verhütet man an der Londoner Börse Einbrüche bei Gummi-Waren, Haftcreme und Badesandalen?
Wieder einmal bin ich ins Spekulieren gekommen und vorläufig gescheitert. Diesmal war sogar der Papst mit seinen persönlichen Überlegungen zur Moral in einem exklusiven Interview ein Initiator zu meinem sorglosen Verhalten. Er hätte mich aber in seinem praktischen Exkurs zur Sexualethik besser vor der schweren Sünde des Kaufrausches warnen sollen, nicht vor der Vermeidung von Krankheiten, die seltsam verschlüsselt in elastischer Sprache angedeutet wurden.
Vielleicht hat sich auch die Vatikanbank damit eingedeckt (die hatte ja das Insiderwissen), aber meine gar nicht anstößige, sondern aus neoliberaler Sicht sogar fürs Gemeinwohl vernünftige Idee, am Montag auf ein paar Aktien der britischen Firma Reckitt Benckiser zu setzen, stellte sich bisher als Tiefschlag heraus.
Am Montag noch schien der Aktienkurs an der Londoner Börse auf 3600Punkte zuzusteuern. Ich habe mir nach kurzer Lektüre des „Osservatore Romano“ und intensivem Studium der „Financial Times“ erwartet, dass die Lockerungen aus Rom wie ein Treibsatz wirken würden, doch inzwischen, just nach meinem Erwerb des kleinen Pakets, ist der Kurs richtiggehend erschlafft, er zeigte zuletzt konstant nach unten wie ein müder Kastrat und liegt jetzt bei rund 3450Punkten. So rächt es sich, wenn man auf lukrative Geschäfte mit einer Gummi-Firma setzt. Da nützt selbst die Einschätzung Frankfurter Experten nichts, dass der Erwerb dieser Aktie langfristig allererste Wahl sei.
Ich habe den britischen Konsumgüterkonzern länger beobachtet. Er ist auch für die Herstellung von Kukident bekannt. Das ist, so seltsam es klingen mag, ein Zukunftsmarkt. Ob mit oder ohne Aktien, Transaktionen mit Haftcreme werde auch ich über die Jahre nicht entkommen.
Latex-Welt. Als sich Reckitt Benckiser im Juli 2010 für drei Milliarden Euro den SSL-Konzern (Durex-Kondome und Scholl-Schuhe) ins Portfolio holte, dachte ich mir, das sei raffiniert; diese umsichtigen Briten sorgen an allen Fronten und in allen Nischen dafür, dass die Gesellschaft veraltet und zugleich glücklich bleibt. Leise schleichen die Gebissbenutzer auf Gummisandalen durch die Thermenlandschaften Europas, nur noch vereinzelt werden sie durch Kinderlärm gestört, weil sie den zu verhüten wussten.
Und jetzt haben sie BenediktXVI. als verantwortungsvollen Proponenten für den ausnahmsweisen Gebrauch von Latex-Produkten gewonnen, auch wenn bisher Empfehlungen zu intimen Details der Hygiene-Waren unterblieben sind. Die werden dem Gewissen der Gläubigen überlassen– und das ist auch gut so – oder dem Erfindungsreichtum der Industrie.
Für mich aber ist diese Woche der leeren Enthüllungen und reinen Spekulationen eine Lehre. In London hört offenbar längst niemand mehr auf Rom, aber von obskuren römischen Abweichlern muss sich Benedikt als „Kondom-Papst“ verhöhnen lassen. Das ist der Preis der Toleranz.
Nächste Woche setze ich auf heimische Aktien. Wie entwickelt sich eigentlich der Fahrradmarkt in Wien, seit die Grünen mitfahren dürfen?
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2010)