Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Konflikt im Westjordanland

Al-Jazeera-Reporterin getötet: Israel bietet gemeinsame Obduktion an

Sie hatte 20 Jahre lang für Al-Jazeera gearbeitet: Shireen Abu Akleh.
Sie hatte 20 Jahre lang für Al-Jazeera gearbeitet: Shireen Abu Akleh.(c) AFP
  • Drucken

Im Westjordanland starb eine Journalistin während eines israelischen Einsatzes. Der arabische TV-Sender wirft der Armee Israels vor, sie "kaltblütig ermordet" zu haben.

Eine Reporterin des TV-Senders Al-Jazeera ist während eines israelischen Militäreinsatzes im Westjordanland durch Schüsse getötet worden. Wie genau die in der arabischen Welt sehr bekannte Journalistin Shireen Abu Akleh ums Leben kam, blieb am Mittwoch zunächst unklar. Die israelische Armee berichtete, es habe ein heftiges Feuergefecht mit Dutzenden militanten Palästinensern während einer Razzia in Jenin gegeben.

Möglicherweise sei die 51-Jährige von Kugeln der Palästinenser getroffen worden, hieß es. Israels Generalstabschef Aviv Kochavi sagte allerdings, gegenwärtig könne man nicht festlegen, welche Seite für die tödlichen Schüsse verantwortlich sei. Al-Jazeera warf Israel dagegen einen gezielten, kaltblütigen Mord vor. Auch Palästinenser-Präsident Mahmoud Abbas sprach von einem "Verbrechen der Hinrichtung".

Beide Seiten beschuldigen sich

Das palästinensische Gesundheitsministerium teilte mit, die Journalistin - die auch US-Bürgerin war - sei durch Schüsse tödlich am Kopf verletzt worden. Ein anderer Journalist der palästinensischen Zeitung "Al-Quds", der auch für Al-Jazeera arbeitet, sei bei dem Vorfall angeschossen worden. Der erhob schwere Vorwürfe gegen die israelischen Sicherheitskräfte: "Sie haben sie kaltblütig getötet", sagte Ali Samoodi. Die Israelis hätten plötzlich das Feuer eröffnet. Die Reporter seien nicht aufgefordert worden, das Filmen einzustellen und zu gehen. "Sie haben auf uns geschossen. Eine Kugel traf mich und eine andere Shireen", sagte Samoodi.

Israel macht dagegen palästinensische Kämpfer für den Tod der Journalistin verantwortlich. Der israelische Ministerpräsident Naftali Bennett wies die Vorwürfe von Abbas zurück; sie hätten keine "solide Basis". "Nach den uns vorliegenden Informationen ist es wahrscheinlich, dass bewaffnete Palästinenser, die zu diesem Zeitpunkt wahllos um sich schossen, für den bedauerlichen Tod der Journalistin verantwortlich waren", erklärte Bennett.

Ruf nach einer Untersuchung

Die EU forderte eine umfassende und unabhängige Ermittlung, damit die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden könnten. Es sei nicht hinnehmbar, dass Journalisten bei der Ausübung ihrer Arbeit angegriffen würden. Ähnlich äußerte sich die US-Regierung. "Die Untersuchung von Angriffen auf unabhängige Medien und die strafrechtliche Verfolgung der Verantwortlichen sind von größter Bedeutung", erklärte die Sprecherin des Weißen Hauses, Jen Psaki. Der Tod der Reporterin sei ein "Angriff auf die Medienfreiheit überall".

Al-Jazeera schrieb, die Reporterin habe über die Razzia berichtet und dabei eine Weste mit der gut lesbaren Aufschrift "Presse" getragen. Die Palästinenserin aus Ost-Jerusalem war schon seit mehr als 20 Jahren für den katarischen Sender im Einsatz. Besonders in der arabischen Welt war sie für ihre Berichterstattung über den Nahost-Konflikt sehr bekannt. Al-Jazeera verurteilte die tödlichen Schüsse als "abscheuliches Verbrechen, dessen Ziel es war, die Medien an der Berichterstattung zu hindern". Die Schuld gab der Sender der israelischen Regierung und der Armee.

Israel bietet gemeinsame Obduktion an

Der israelische Außenminister Yair Lapid bot den Palästinensern eine gemeinsame Untersuchung und Obduktion an. "Journalisten in Konfliktgebieten müssen geschützt werden. Und wir haben alle eine Verantwortung, die Wahrheit herauszufinden", sagte Lapid.

Ein Armeesprecher sagte, das Militär habe eine gründliche Untersuchung des Vorfalls eingeleitet. Soldaten seien in Jenin gewesen, um ein Mitglied der islamistischen Palästinenser-Organisation Hamas festzunehmen. "Dutzende bewaffnete Palästinenser schossen auf die Truppen", sagte er. Sie hätten dabei rücksichtslos Schüsse in verschiedene Richtungen abgegeben. In drei Fällen habe es direkte Feuergefechte gegeben, etwa zu der Zeit, als die Journalistin getötet wurde.

Die Soldaten hätten zurück in die Richtung gefeuert, aus der geschossen wurde, und es seien Treffer identifiziert worden, teilte die Armee mit. Man untersuche die Möglichkeit, dass die Journalisten durch bewaffnete Palästinenser getroffen wurden. "Die israelische Armee würde niemals absichtlich auf Unbeteiligte schießen", sagte ein Sprecher.

Der tödliche Vorfall in Jenin erschütterte die wacklige israelische Regierungskoalition: Die arabische Raam-Partei verkündete erst nach Stunden, dass sie in der Regierung bleiben wolle. Wegen Konfrontationen israelischer Sicherheitskräfte mit Palästinensern auf dem Tempelberg hatte Raam ihre Mitgliedschaft in der Koalition im vergangenen Monat vorerst ausgesetzt. Die Partei verurteilte den Tod der Reporterin und forderte ebenfalls die Einrichtung einer internationalen Untersuchungskommission. Die Regierung hatte im vergangenen Monat ihre hauchdünne Mehrheit im Parlament verloren.

(APA/dpa)