Den Adventkalender gibt es für alle Geschmäcker: in Form des Wiener Rathauses allerdings heuer nicht mehr. Der Hauptsponsor sprang ab, wodurch das Rathaus unleistbar wurde. Doch es ist nicht alles verloren.
Ursprünglich ging es darum, der vorfreudigen Christenheit die Wartezeit aufs Weihnachtsfest zu verkürzen. Auf das enorme Vermarktungspotenzial wurden gewiefte Geschäftsleute spätestens in der Nachkriegszeit aufmerksam. Der Rest der Geschichte ist bekannt – und lächelt heute aus jedem Supermarktregal.
Typografisch. Im Grunde entspringt der Adventkalender, somit ein echt kreativwirtschaftliches Produkt, in seiner aktuellen Form einer Kombination aus Gestaltungssinn und Geschäftsgeist. 1904 lancierte der Münchner Gerhard Lang einen Kunstdruck-Kalender mit Motiven zum Ausschneiden und Aufkleben, der sich rasch großer Beliebtheit erfreute: Alsbald traten Nachahmer auf den Plan; die Adventspirale begann sich zu drehen und bewirkte den Verkitschungssog, dessen Ergebnisse allgegenwärtig sind. Dabei gibt es durchaus auch avantgardistisch angehauchte Kundenwünsche: „Wir haben von vielen Händlern gehört, wie froh sie sind, einmal eine Alternative zur üblichen Kitschüberladung anbieten zu können“, berichtet Karin Schmidt-Friderichs. Sie steht dem Mainzer Verlagshaus Hermann Schmidt vor, das auf Typografie und Grafik spezialisiert ist. Mit im Programm: zwei Typo-Adventkalender, die mit je 24 frei verfügbaren Schriftarten inklusive Download-Quellen aufwarten. „Unser Adventkalender wurde rasch in das allgemeine Sortiment des Buchhandels übernommen“, erzählt die Verlegerin, die ursprünglich nur einen „kleinen, aber feinen Flirt mit unserer Zielgruppe“ geplant hatte. Nicht jeder, der sich auf Weihnachten freut, ist ein Adept barocker Opulenz.
Gebastelt. Als relativ groß stellt sich die Schnittmenge aus Adventkalenderöffnern, Nostalgiefreaks und Do-it-yourself-Anhängern dar. Ein repräsentatives Beispiel ist die Online-Plattform „Dawanda“, auf der es jedem freisteht, sich seinen eigenen Internetshop einzurichten und Selbstgemachtes feilzubieten. Die Kategorien „Adventkalender mit Herz“ und „Adventkalender befüllen“ quellen über. Hier wenden sich Scharen von Anbietern an eine Bandbreite von Abnehmern, die den „modernen Puristen“ ebenso wie das Elfen liebende Mädchen umfasst. Wer hofft, hier die Entsprechung zum von Tantenhand befüllten Adventkalender aus fernen Kindheitstagen aufzutreiben, möge sich selbst ein Urteil bilden. Die kuschelige Anmutung von kreativ Selbstgemachtem eröffnet jedenfalls ein Marktsegment mit Potenzial.
Städtisch. Etwas generöser dimensioniert als selbst genähte Filzstiefel sind zu Adventkalendern umfunktionierte Gebäude, ersonnen von Stadtvermarktungsprofis. So rühmte man sich in Wien zwölf Jahre lang damit, in Form des Rathauses mit dem „größten Adventkalender der Welt“ aufwarten zu können – und hatte einen winterliche Attraktion parat. Die Initiative ging auf eine Idee von Andy Geisler zurück, der vor 14 Jahren am Café-Landtmann-Haus mit einer Erstversion in Form von 24 in die Fenster montierten Leuchtkästen startete. Zeitgenössische Kunst, Weihnachtsdekoration und generöse Sponsoren wurden von Geisler unter einen Hut gebracht – als nach Protesten eines Mieters die Landtmann-Location ausfiel, sprang der Bürgermeister ein und überließ Geisler die Rathausfassade. Letztere wurde in den Folgejahren in Kooperation mit „Licht ins Dunkel“ mit Kunst bespielt.
2010 wird wieder alles anders sein: Der Hauptsponsor sprang krisenbedingt ab, wodurch das Rathaus unleistbar wurde. Die Stadt bedauerte zwar, konnte die Aktion aber nicht durch finanzielle Unterstützung retten. Geisler zeigt sich ein wenig enttäuscht: „Man sollte glauben, dass der Kunstadventkalender am Rathaus auch als Stadtmarketingtool begriffen wird.“ Doch es ist nicht alles verloren: Die Charity-Kunst-Advent-Kombo quert demnächst wieder die Ringstraße und erstrahlt wie einst auf dem Landtmann-Haus – nunmehr mit täglichen Bildprojektionen. Wien Tourismus bewirbt derweil im Internet einen Wienerlied-Adventkalender, der konzertierend durch die Stadt tourt. Auch ganz passend, so eine klingende Untermalung für die stillste Zeit im Jahr.
VARIANTEN
Metropolen-Zierde
Was in Wien funktioniert, gibt es auch in München und Berlin: Fassaden-Adventkalender.
Massenmedial
Seit den Sechzigerjahren hat sich im skandinavischen Raum der Brauch der TV-Adventkalender-Serie eingebürgert.
Millionenschwer
Einen Adventkalender um eine Million Dollar gibt es heuer bei Harrods.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.11.2010)