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Der Rohstoff der Kreativen

(c) Jason Lee für Wired

Erst US-Präsident Obama, dann der Rest: Immer mehr Regierungen stellen Statistiken und Kataster als Open Data ins Netz, denen die Bürger neues Leben einhauchen. Ob als "Schulfinder" oder Budgetvisualisierung.

Die Internetindustrie der Jahrtausendwende trug einen Satz vor sich her: „Content is King!“ Damals war die Idee, dass irgendwie mit dem Internet, das – wie zu jener Zeit imaginiert – bald in jeden Haushalt eingeleitet sein würde und dessen Produkte und Services gern von jedermann gegen Bezahlung konsumiert werden würden, ein Geschäft zu machen sein werde. Ein Heilsversprechen, mit dem man an der Börse und auf dem Venture-Kapitalmarkt Geld machen konnte. Wie schnell und nachhaltig diese Blase platzte, ist uns allen noch in Erinnerung. Doch just als Maßnahme gegen den jüngsten Wirtschaftskollaps – verursacht durch die nächste Blase (diesmal: Immobilien und Finanzprodukte) – soll das Internet wiederum als Motor fungieren.

Wie? Die Idee wurde schon im Wahlprogramm von Barack Obama entwickelt und dann gleich nach Regierungsantritt durch die Gremien und Ministerien getragen, um US-amerikanische Wirklichkeit zu werden: Daten als Rohstoff für Internet- und Kreativwirtschaft. Denn mit dem Internet lässt sich wieder Geld verdienen. Das hat Google gezeigt, das hat AOL vorgemacht. Und vor allem ist der Ausblick auf den sich eben herausbildenden Markt um mobile Anwendungen (Apps) ein vielversprechendes Feld, in dem wirkliches Geld mit wirklichen Produkten gemacht werden kann. Doch bloß mit Wetter-Apps und dem 100. Facebookclient lässt sich für diesen Sektor kein Wachstum sichern. Neuer Datenrohstoff für neuere und noch nützlichere Apps wird gesucht.

Obamas gute Idee. In den Statistiken, Erhebungen und Katastern der bundesstaatlichen Regierungsorganisationen ist dieser Rohstoff zu finden. Und warum nicht – so die Obama-Administration – diese „Open Government Data“ den Bürgern und Unternehmen zur Nutzung öffnen? Ein kostengünstiger Schritt, der die ohnehin mit Steuergeld erhobenen Daten einer Weiterverwertung zuführt und überdies dem Recht auf Bürgerinformation Rechnung trägt. „Open Government Data“ wurde sogar eine der smartesten Initiativen der Regierung Obama. Eine Initiative, die in Gordon Brown, inzwischen britischer Expremier, einen Nachahmer fand.

So liest man auf der offiziellen Open-Data-Website der britischen Regierung als Begrüßungsworte: „UK government are opening up data for reuse... We're very aware that there are more people like you outside of Government who have the skills and abilities to make wonderful things out of public data. These are our first steps in building a collaborative relationship with you.“ Kurz: Die britische Regierung freut sich offiziell, ihre Daten zur Wiederverwendung zur Verfügung zu stellen, damit die Leute „da draußen“ wundervolle Dinge daraus machen.

Ein halbes Jahr später sind nun schon die ersten „Wunder“ zu sehen. Da werden etwa aus schnöden Vebraucherpreisindizes, Bevölkerungsstatistiken, Budgetdaten, Geo- und Umweltdaten und aus vielen anderen Datenquellen Dinge wie ein Schulfinder für die Eltern von Erstklasslern (www.bigappleed.com), ein Baumfinder in der NYC-Betonwüste(www.treesnearyou.com/), eine Seite zum Finden von Lokalpolitikern (maps.webfoot.com/demos/wrm/), ein persönlicher Pensionskalkulator, Budgetvisualisierungen – eine Liste ohne Ende.

Doch nicht nur neue Apps haben Eingang in die App Stores gefunden. Als besonderer Gewinner der neuen Datenverfügbarkeit zeichnet sich eine Blüte der Informationsgrafik ab. Auf Seiten wie www.informationisbeautiful.net entstehen derzeit ganz neue Formen und Herangehensweisen an die Publikumsvermittlung großer Daten- und Statistikzusammenhänge. Die sich dabei formierende Ästhetik und ihre Narrationen folgen einem neuen Paradigma der Dateninterpretation: mit offenen Daten interaktiv zu spielen und durch dieses Spielen auf die Bedeutung der Daten zu stoßen. Wenn also die Informationsgrafik die Epoche der Balkendiagramme hinter sich lässt, so passiert dies im Strom der neu verfügbaren offenen Daten.

Und die Privatsphäre? Der geübte Zweifler wirft an dieser Stelle die Fragen nach „Privacy“ und omnipräsenter Überwachung ein. Einen Einwurf, den die Betreiber von Open Government Data nicht gelten lassen, wird doch peinlichst darauf geachtet, dass nur personenunabhängige Daten den Qualitätsstempel des „Open Government Data“ bekommen.

Die neuen Möglichkeiten, die sich den Kreativen dabei eröffnen, beruhen nicht zuletzt auf der Chancengleichheit im Zugriff auf den Datenrohstoff. Was bisher großen Daten-Brokern vorbehalten war, steht nun dem einzelnen Programmierer, Designer Blogger, Journalisten, Infografiker und Wissenschaftler – zumeist kostenfrei – zur Verfügung. Die Nähe zu den potenziellen Abnehmern der neuen Informationsprodukte ist dabei wohl noch ein zusätzlicher Vorteil im Wettbewerb mit den großen Tankern der Internetindustrie. Doch am schwersten wiegt der Vorteil, dass Open-Government-Data-Anwendungen so erstellt und benutzt werden, wie der kreative Kleinunternehmersektor ohnehin arbeitet: kreativ und kollaborativ.

Bevor jedoch die Kreativen in den Software-Schmieden und Start-ups die Früchte einer blühenden Open-Government-Data-Landschaft ernten können, ist noch einiges zu tun. Europa (und auch Österreich) darf den Anschluss an die internationalen Entwicklungen nicht versäumen und braucht EU-weite, nationale und regionale Pläne für die jeweilige Einführung von Open Government Data. Das ist vor allem eine Frage der politischen Willensbildung.

In Zusammenhang damit muss immer wieder aufgezeigt werden, dass die Kreativwirtschaft und der Softwaresektor sinnvolle Geschäftsmodelle für den Bereich des Open Government Data entwickeln können. Und schließlich sind es dann die Bürger, die Daten lesen, Informationen neu bewerten und sinnvolle Apps benutzen wollen – genau das muss Politik und Öffentlichkeit gezeigt werden.

Und wie steht es darum in Österreich? Gar nicht schlecht. Es gibt mehrere Initiativen und Personen, die das Thema vorantreiben, und auch in der Stadt Wien wurde das Thema als Absichtserklärung in den rot-grünen Koalitionspakt aufgenommen. Es bleibt Aufgabe der Politik, den Schalter nun endgültig auf „Go“ zu stellen. Spätestens zur großen Open-Government-Data-Konferenz im Juni 2011 sollte wieder Konkretes zu berichten und der Anschluss an die internationale Entwicklung geschafft sein.

 

noch mehr Daten

Der Autor
Thomas Thurner ist Geschäftsführer des „Quartiers für Digitale Kultur“ und Mitarbeiter im Bereich Open Government Data bei der „Semantic Web Company“ (www.semantic-web.at).

Österreichische Initiativen
Open Government Data – Austria (gov.opendata.at)
Open3 (www.open3.at)

Termine
3.12.2010: Gov2.0Camp – Planungswerkstatt; barcamp.at/Gov2.0camp
4.12.2010 – Global Open Data Hackday – Raum D / quartier21 – gov.opendata.at/site/node/32

Internet:
Interessante Infografiken: www.visualizing.org
www.informationisbeautiful.net

Anwendungen von Open Data:www.treesnearyou.com (findet Bäume); www.bigappleed.com (findet Schulen); maps.webfoot.com/demos/wrm (findet Lokalpolitiker)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.11.2010)