Walk of Häme: Die erste Kerze brennt

Die erste Kerze brennt oder: Warum der Bankenstresstest uns gut durch die Adventzeit bringen könnte.

Die Euro-Krise hat auch ihr Gutes – vor allem, wenn man weder Grieche oder Ire ist noch in Belgien, Portugal oder Italien lebt.

Zum einen gibt sie jenen Staaten, die sich noch nicht unter dem europäischen Schutzschirm zusammengedrängt haben, das Gefühl, ökonomisch enorm erfolgreich zu sein. (Wobei man da als Österreicher mit einem unangenehmen Dämpfer aus Deutschland leben muss. Der ehemalige Industrie-Präsident Olaf Henkel hat laut über eine neue eigene Euro-Zone der starken Länder „aus dem Norden“ nachgedacht. Österreich liegt demnach offenbar eher im Süden Europas.) Zum anderen schenkte uns die Wirtschafts- und Bankenkrise den Stresstest-Gedanken: Man unterzieht also in einer Noch-Nicht-Krisenzeit einen Organismus einer gedachten Belastungssituation und schaut, wie dieser darauf reagiert. Dieses Modell ist im Grunde in und auf alle Lebenslagen anwendbar.

Am heutigen ersten Adventsonntag also, an dem wir Südeuropäer noch relativ relaxt die Vorweihnachtszeit genießen, ist der ideale Zeitpunkt für den Xmas-Stresstest. Wir schließen kurz die Augen und stellen uns folgendes Szenario vor. Es ist der 23. Dezember, 15 Uhr 30, wir hängen noch im Büro fest und müssen heute noch Folgendes erledigen: einen Christbaum aussuchen, kaufen und nach Hause bringen (oder zumindest reservieren); für morgen Brot vorbestellen; in einem dieser Weihnachtshasen-Elektromärkte noch Dinge für die Bescherung kaufen (das, was halt noch übrig ist); einige wichtige Weihnachtskarten auf die Post bringen, damit zumindest der Poststempel noch von vor dem Hl. Abend datiert. Außerdem: in eine Parfümerie gehen, in ein Buchgeschäft gehen, in ein Schokoladegeschäft gehen, in ein Honigwachskerzengeschäft gehen, in ein Geschenkpapiergeschäft gehen, in ein Christbaumlöschkübelgeschäft gehen. Überhaupt in ganz kurzer Zeit in alle möglichen Geschäfte gehen. Es ist inzwischen übrigens schon 16 Uhr 30.

Wenn der Puls bei dieser Vorstellung nicht wesentlich ansteigt, kann der Xmas-Stresstest als bestanden angesehen werden, der 23. kann ruhig kommen. Treten Schweißperlen auf die Stirn, auch kein Grund zu Panik. Noch ist genug Zeit gegenzusteuern, man muss nicht zwangsläufig ein Weihnachts-Ire werden.

Bis dahin tun wir Südeuropäer das, was wir am besten können: uns nicht stressen lassen!

florian.asamer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.11.2010)

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