Der Mediator: Wikileaks plant nächsten Coup

Wikileaks plant seinen nächsten Coup. Nach geheimen Dossiers über die Kriege in Irak und Afghanistan sind nun diplomatische Analysen dran. Das kann peinlich für Verbündete sein.

Ein wahrer Diplomat, sagte einst der britische Premierminister Winston Churchill, sei ein Mann, der zweimal nachdenkt, bevor er nichts sagt. Noch prägnanter hat Peter Ustinov das Berufsbild bezeichnet: „Diplomatie ist die Fähigkeit, so zu tun, als täte man nicht so.“ Und das hat auch seinen Grund. Würden die Außenposten von Staaten, die ja im Grunde Horchposten sind, auch noch sagen, was sie wirklich denken, dann wäre wirklich bald der Krieg eine bloße Fortsetzung der Politik. Wie sehr ein gesprächiger Botschafter die Debatte prägen kann, hat unlängst der Vertreter Ankaras in Wien in einem Interview mit der „Presse“ demonstriert – mit relativ harmlosen Binsenweisheiten, von denen man nicht weiß, ob sie bewusst von der Türkei lanciert oder nur ein persönlicher Ausrutscher waren. (Im Zweifelsfalle ist anzunehmen, dass solche Aussagen bewusst gesteuert sind. Botschafter sind auf Disziplin gedrillt, zumindest, wenn es ums Reden geht.)

Was aber passiert, wenn publik wird, wie die Außenämter wirklich voneinander denken? Wenn die Giftschränke geöffnet und die persönlichen Schwächen der diplomatischen Corps oder gar die beinharten Analysen der Politik ohne Rücksichtnahme auf die Spitzen der Gesellschaft bekannt werden? Dann wüsste auch die Öffentlichkeit und nicht nur der Geheimdienst und das Kabinett, welchen Diplomaten man für einen Spion hält, welche Whisky-Sorte oder welchen Escort-Dienst welcher Gesandte bevorzugt und wie viel Schmiergeld welcher Handelsattaché bezieht.


Nervöses Pentagon. Für die Politik ist dieses Szenario ein Horror. Die Internet-Plattform „Wikileaks“, die mit ihren Enthüllungen über die Militäraktionen der USA im Irak und in Afghanistan verblüffte, bereite ihre nächste Enthüllungskampagne vor, hieß es diese Woche. Sie kooperiert dabei offenbar wieder mit Medien wie „The New York Times“, „The Guardian“ und „Der Spiegel“, was der Sache zusätzlich Gewicht gibt. Das Pentagon nimmt sie inzwischen so ernst, dass es den Senat bereits vor einer schweren Belastung internationaler Beziehungen gewarnt hat, hieß es am Donnerstag.

Hunderttausende Dokumente werden auf den Markt geworfen, vermuten Insider auf Twitter. Praktisch jeder amerikanische Posten in aller Welt wurde von den Internet-Piraten ausgehorcht. Erste Spekulationen gibt es über die Unterstützung der kurdischen PKK durch die USA und moslemischer Terroristen durch die Türkei. Aber ist das wirklich neu? Es genügt, nachzulesen, wie Washington in den Siebzigerjahren irakische Kurden zum Widerstand gegen Saddam ermunterte und dann verriet. US-Außenminister Henry Kissinger sagte dazu in höchster diplomatischer Offenheit: „Geheimdienstoperationen sind keine Missionsarbeit.“

norbert.mayer@diepresse.com
diepresse.com/mediator

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.11.2010)

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