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Das Abgefeimte scheut nicht, seine Absichten zu verkünden. Dreharbeiten zu Murnaus „Nosferatu“.
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Spectrum

Die Nosferatus unserer Zeit

Welch ein Graus, der angestaubte Lüstling, das phallische Spektrum, der Blutsauger, der Getriebene drängt sich wieder durch enge Türen. Diesmal in sein Nachbarland. Er kennt kein Erbarmen – wer ihm nicht gehorcht, soll vernichtet sein.

Schauen Sie Friedrich Wilhelm Murnaus Film „Nosferatu“ an, diesen Monat fix hundert Jahre alt seit seiner Weltpremiere in Berlin, und erschrecken Sie ob seiner Aktualität: Ein untoter Graf verlässt seine Gruft, er hat die Särge mit heimischer Erde gefüllt, und er stößt, Angst und Tod bringend, zu uns vor . . .

Dabei hat der junge Mann, Thomas Hutter mit Namen, mit dem transsilvanischen Graf Orlock alias Nosferatu ja bloß Geschäfte machen wollen, „einen schönen Batzen Geld verdienen“, wie es im Zwischentitel dieses zeitlosen Klassikers heißt. „Seine Gnaden Graf Orlock aus dem Land der Gespenster“ hatte ein Haus zu kaufen gewünscht, in Hutters idyllischer deutscher Gegend. „Es kostet zwar ein wenig Mühe . . . ein bisschen Schweiß und vielleicht . . . ein wenig Blut“, hatte ihm der Häusermakler Knock, sein unter Nosferatus Macht stehender Chef, geradeaus gesagt.

Ja, das Abgefeimte scheut nicht, seine Absichten zu verkünden, doch Thomas Hutter überhörte sie geflissentlich. Wer Geschäfte macht, kann nicht feindselig sein – allein das wollte er glauben. Und haben wir das – mit Blick auf eine gemeinsame europäische Zukunft – nicht auch geglaubt? Wer Öl und Gas liefert, der wird uns doch beileibe nicht überfallen wollen?

Mehrfach kündigte sich das Unheil an, doch unser Held schlug alle Warnungen in den Wind. Über die Angst der Bauern aus Orlocks Nachbarschaft konnte Hutter nur lachen. Er kam ja aus der zivilisierten Welt und wusste es besser.

Diesen Hochmut wird er leider teuer bezahlen . . . Ich sah den Film zum ersten Mal in der rumänischen Kinemathek in Bukarest, wo ich in meiner Studienzeit als Simultanübersetzerin für deutschsprachige Filme jobbte. Das war Ende der Neunzigerjahre, und die Kinemathek war eine angesagte Kulturstätte. Ich schätzte mich glücklich.