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Mein Samstag

Das Pullunder-Projekt

Manchmal gehen Traditionen doch zu Ende. Die inoffizielle Schatten-Teilnahme am Werkunterricht nämlich, wie sie viele Mütter und Großmütter, die daheim bei den Werk-Aufgaben für ihre (Enkel-)Töchter mitgehäkelt oder -gestrickt haben, erlebt haben. (In den 1990ern gab es noch getrenntes Buben- und Mädchenwerken, wenn Sie sich erinnern.)

Bei meinem Pullunder-Projekt zum Beispiel erkannte man auch im Dunkeln mit verbundenen Augen, welche Abschnitte ich in der Schule selbst gestrickt hatte und welche Teile die Oma und die Mama zu Hause 1a-tadellos fortgesetzt hatten. Gern habe ich die ganze Woche auf die Strick-Aufgabe vergessen, weshalb die Mama am Vormittag ein paar Reihen speedgestrickt hat und mir den Pullunder-Fortschritt rechtzeitig vor der Werkstunde in die Schule nachgebracht hat.

Das Kind aber hat gar keine Werken-Hausübungen, und selbst wenn, würde es sich wohl nicht auf meine Hilfe verlassen. Denn das Stricken ist nach wie vor keine meiner Superkräfte. Auch mit Nähmaschinen war ich nie näher befreundet, da unsere bisherigen Begegnungen – Stichwort ausgefädelter Unterfaden – bei mir zu keinem Glückshormon-Rausch geführt haben. Das Kind bringt also seit Jahren nur die fertiggestellten Projekte mit nach Hause, und manchmal frage ich mich, wo Familien mit zwei, drei oder vier Kindern all diese Werk-, Zeichen- und Bastelprojekte lagern. Weil: Wir gehen schon über. So haben wir unter anderem eine Sammlung an selbst gebauten Booten (zuletzt ein sehr cooles mit Solar-Antrieb, jetzt fehlt uns nur noch der See dazu) und einen selbst gefertigten Tischtennisschläger, den man auf den ersten Blick nicht von den handelsüblichen unterscheiden kann (auf den zweiten eventuell schon). Und von den Zeichnungen, die mittlerweile die vierstellige Sphäre erreicht haben dürften, fange ich gar nicht erst an. Mein im Familienkollektiv produzierter Pullunder lagert auch immer noch in irgendeiner Kiste, sein Mode-Revival ist bestimmt nur eine Frage der Zeit. In diesem Sinne: Stricken Sie doch etwas Schönes! Und lassen Sie keine Maschen liegen!

E-Mails an: mirjam.marits@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2022)